/ Von Aloys Behler

Wo, bitte, geht’s zum Psi-Kongreß? Hilfreiche Geister weisen dem suchend durchs Europäische Welthandels- und Kongreßzentrum Basel eilenden Diesseitigen die Richtung. Über die Rolltreppe fuhrt der Weg direkt ins Zwischenreich. Freunde der Parapsychologie, Sensitive, Übersinnliche: Zweiter und dritter Stock.

"Exotisches Psi – Paranormales in anderen Kulturen" ist das Thema der Basler Psi-Tage ’86. Wunderheiler im Dutzend, Ethnologen, Mediziner, Psychologen und über achthundert zahlende Interessenten aus allen Seinsebenen sind erschienen zu dieser "breiten Diskussion von Grenzfragen der Wissenschaft", wie es die Prospekte der Schweizer Mustermesse verhießen, einer Diskussion über "paranormale Phänomene und vor allem alternatives Heilen in fremden Kulturen". Kein Wunder: ein heißes Thema in einer Zeit, da uns die Geistheiler übers Fernsehen ins Wohnzimmer steigen und die goldenen Blätter voll sind von Geschichten über das Leben vor dem Leben. Wenn wir uns nur recht erinnern: Sind wir nicht alle schon mal dagewesen?

Die Begrüßung der Anwesenden durch den Generaldirektor des Hauses gilt folgerichtig auch dem, der gestorben ist – "oder dahin gegangen, wo er weiter leben und arbeiten kann" –, ehe sich der Hausherr real existierenden Presseorganen zuwendet und deren befremdlicher Reaktion auf den heilsamen Auftritt eines gewissen Freddy Wallimann im ZDF: Gar nicht erfaßt hätten sie, worum es Herrn Wallimann gegangen sei. Er habe den Mund nicht aufgemacht – ein lächerlicher Vorwurf! Er hatte doch etwas anderes zu tun. Worauf es ankomme, das sei eben "dieses Hinsetzen und Spüren".

Sich hinsetzend und spürend, vernimmt der skeptische Besucher, wie zum erstenmal lauter Beifall sich kundtut im großen Saal der Mustermesse. Und es schwant ihm, die angesagte "breite Diskussion" könnte möglicherweise ziemlich einseitig ausfallen.

Am ersten Tag dominiert die Theorie, und in der Theorie klingt einiges plausibel. Ein Herr von der Basler Sektion der Schweizer Parapsychologischen Gesellschaft geht das Thema plaudernd an. Exotische Rituale? Nun denn, müssen die Rituale unseres Gesundheitswesens, die grünen Kittel, die farbigen Pillen, den Angehörigen anderer Kulturkreise nicht auch als "exotisch" erscheinen? Schamanen, Wunderheiler, Zauberdoktoren, wie immer man sie nennen will, sind der Natur so eng verbunden, daß sie die Welt noch als Ganzes sehen, daß es ihnen "möglich ist, Unmögliches möglich zu machen" ("Wenn Patienten da sind, bitte am Schalter melden").

Ein junger Ethnologe aus Hamburg erzählt von seinen Forschungsarbeiten im mexikanischen Regenwald, von indianischen Heilungsriten, von den Zaubersprüchen der Lakandonen. Zu seinem Kummer halten die meisten seiner Kollegen einfach nicht für wahr, "daß die Zaubersprüche wirkliche Heilkraft haben oder Heilkraft freisetzen". Der Referent redet einer "jungen Wissenschaft" das Wort, der Ethnopharmakologie, die die Wirkweise in religiösen Bräuchen benutzter bewußtseinsverändernder Pflanzen erforsche. Aufgabe des Ethnologen sei es, das Fremde und Exotische für den Europäer so zu übersetzen, daß wir davon profitieren können – "der Ethnologe als Mittler, wie der Schamane Mittler ist zwischen dem Geist und der physischen Welt". Daß der junge Völkerkundler sich zuweilen schwertut im Formulieren zusammenhängender Sätze, tut der Wirkung seines Vortrags keinen Abbruch, im Gegenteil: Wer spüren kann, der spürt um ihn vom Schamanistischen mehr als einen Hauch.