Von Ludwig Hang

In den sechziger Jahren gab es ein Buch mit dem Titel „Die Anarchisten“, in dem wir alle Grundlagen studieren und Methoden lernen konnten, um diese Denkform zu begreifen. „Freilich hieß das Zauberwort, Freiheit von allem, Freiheit um jeden Preis. „Alles, was man gewöhnlich unter Kooperation versteht, ist in gewissem Maße von Übel“, sagte Godwin, also: weder gemeinsam essen noch arbeiten, keine Konzerte, keine Theateraufführungen, allenfalls gemeinsamen Sexualverkehr; doch da stellen sich schon die gesellschaftlichen Verabredungen und Fiktionen ein, und mit der Freiheit ist es wie mit dem Zwang: alles geschieht immer nur „in gewissem Maße“.

Nun endlich gibt es bei uns Fernando Pessoas Erzählung „Ein anarchistischer Bankier“, und wer auf der Höhe der Erkenntnis sein will, muß sich mit der außergewöhnlichen Theorie dieses Buches beschäftigen und – was wieder einmal die Überlegenheit der Dichtkunst über alle Formen sach- und fachwissenschaftlicher Darstellung beweist: der Mensch ist ein erzählbares, kein erklärbares Wesen.

Es wird nicht viel erzählt, doch das Wenige reicht aus, den wahren Anarchismus plausibel zu machen. Ein Bankier unterhält sich mit einem Freund, das ist alles. In diesem Gespräch entwickelt der Bankier „die wahre anarchistische Methode“, unter Benutzung derer er alle Schwierigkeiten beseitigte, die sich ihm bei der Erringung der Freiheit in den Weg stellten, „mit einem Schlag“, wie er sagt, „und zwar logisch“. Diese Logik ist eine Logik, die mit allen Salben der Poesie geschmiert ist, eine herrliche alogische Logik, die auf intuitiv dichterische Weise die Paradoxien der Logik hervorkehrt. Sie ist vom Geiste der pataphysischen Logik Alfred Jarrys, die imstande ist, imaginäre Lösungen herbeizuführen, eine Wissenschaft, die die Metaphysik in dem Maße übersteigt wie diese die Physik, in alle Richtungen ad libitum.

Pessoas Bankier erringt seine Freiheit, indem er – für sich selbst – alle gesellschaftlichen Fiktionen vernichtet, vorweg die Fiktion „Geld“. Was tut er? Logisch – er bereichert sich. Mit Hilfe wucherischen Ankaufs, finanzieller Tricks, unlauterer Konkurrenz erreicht er sein erstrebtes Ziel und führt zugleich die Methoden dummer Scheinanarchisten, den Hut über die Augen zu ziehen, durch die Menge zu schleichen und Bomben zu zünden, ad absurdum.

Und die Tyrannei, die er als kapitalistischer Bankier ausübt, ist sie nicht auch ein Angriffsziel des Anarchisten? Nein, sie sei ja ein Teil dieser gesellschaftlichen Fiktionen, folgert logisch der Bankier, und die Intelligenz, dies alles zu erkennen und zu realisieren, sagt er, sei eine natürliche Eigenschaft, genau das Gegenteil einer gesellschaftlichen Fiktion. Als anarchistischer Bankier ist er wissenschaftlicher, nicht wie alle Pseudorevolutionäre, mythischer Anarchist.

Pessoas kapitalistischer Anarchismus ist ein sanfter poetischer Hohn auf alle sozialromantischen und sonstigen Anarchismen vergangener Epochen. Doch ist er auch ein Hohn auf den Kapitalismus selbst, der sich so moralisch gibt, marktorientiert und staatstragend und doch nichts als die Lebensform egoistischer Anarchisten ist.