Von Dieter E. Zimmer

Keiner wird je eine Übersetzungsmaschine „erfinden“. Dem Tüftler, der beim Patentamt vorspräche und sagte „ich hab’s!“, könnte man auf den Kopf zusagen, daß das Ding nicht funktioniert. Maschinelle Übersetzungssysteme können nur in jähre- und jahrzehntelanger Engelsgeduld entwickelt werden; und mit ebensolcher Geduld muß man ihnen dann langsam ihre Fehler abzugewöhnen versuchen. (70 Mannjahre zum Beispiel werden in dem System DLT stecken, das die niederländische Softwarefirma BSO mit Regierungshilfe bis 1990 einsatzreif machen will und das – ein Unikum – mit Esperanto als Zwischensprache arbeitet.)

Am Anfang müssen vielversprechende Analyseverfahren ersonnen werden. Dann muß man nach und nach das Lexikon vergrößern – und probieren und noch einmal probieren, was für Sätze sich damit erzeugen lassen. Denn was die Anwendung von Tausenden und Zehntausenden von Regeln im konkreten Fall bewirkt, übersieht kein Mensch. Welche Folgen eine Eingabe in ein komplexes System haben wird, kann selbst der nicht wissen, der es entworfen hat. Und wenn es sich herausstellt, daß die grundlegenden Algorithmen doch nicht so gut waren, oder wenn die Geldgeber die Geduld verlieren, dann war die ganze Arbeit für die Katz, und zurück bleibt eine der bei der maschinellen Übersetzerei (MÜ) zahlreichen Entwicklungsruinen. In Kanada sollte TAUM AVIATION Anfang der achtziger Jahre Wartungshandbücher für Flugzeuge aus dem Englischen ins Französische übersetzen – und wurde nach jahrelangen Vorbereitungen wegen seiner prohibitiven Kosten fallengelassen. In Europa steht die größte Ruine dieser Art an der Universität von Grenoble: die Systeme CETA und GETA, in einer Assemblersprache geschrieben, die sich zu spät als zu unflexibel erwies.

Das mit Abstand älteste MÜ-Programm, das heute irgendwo läuft, ist SYSTRAN. 1976 kaufte die EG für 300 000 Dollar die Nutzungsrechte, und 26 Linguisten entwickeln es seither fleißig weiter. Fünf Sprachrichtungen sind in Betrieb, vier weitere in Vorbereitung. „Zuerst waren wir lange in der Steinzeit, da kam jede Menge unverständlicher Unsinn heraus“, sagt eine Linguistin in Luxemburg, deren Arbeit darin besteht, auf Fehler hin durchzusehen, was SYSTRAN produziert, und fehlende Vokabeln und Grammatikregeln mitsamt all ihren „Marken“ in Formulare einzutragen, von denen ein Programmierer sie dann dem in Dublin stehenden EG-Computer einverleiben wird. Gerade hat sie diesen dabei erwischt, daß er he is prepared to nach seiner Meinung richtig, nach der seiner menschlichen Erbauer falsch mit er wird vorbereitet (statt er ist bereit) übersetzt. „Bei den Sprachrichtungen, an denen wir jetzt seit zehn Jahren ständig herumbessern, Englisch-Französisch und umgekehrt, haben wir 74 000 Wortstämme mit 92 000 Übersetzungsmöglichkeiten im Lexikon und sind nun immerhin im Mittelalter angekommen. Aber jede neue versetzt uns erst einmal zurück in die Steinzeit.“

Im Kernforschungszentrum Karlsruhe übersetzt man mit dem SYSTRAN der EG seit fünf Jahren französische Forschungsberichte über den Schnellen Brüter und die Kernfusion ins Englische, etwa 5000 Seiten im Jahr, ohne jede menschliche Nachbesserung. Man ist nicht unzufrieden: Was der Computer liefert, sei zu über 98 Prozent „verständlich“. Mehr ist nicht verlangt – man will hier nur „den Sinn erschließen“ können. Zu fünf Prozent kommt – größte Gefahr – zwar Verständliches, aber Falsches heraus, etwa wenn der Computer fatalerweise eine der schwierigen französischen Verneinungen übersieht oder mißversteht. Die Leser sind gewarnt, daß es sich um das fehlbare Werk einer Maschine handelt.

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Die Firma Eppendorf in Hamburg stellt medizinische Geräte her, von schlichten Plastikpipetten zu elektronischen Analyseautomaten. Viele davon werden exportiert. Ohne fremdsprachige Bedienungsanweisungen sind sie im Ausland unverkäuflich. In der Exportindustrie kann man ein Lied davon singen, daß manches neue Produkt ein halbes Jahr oder auch ein ganzes liegenbleiben muß, weil das begleitende Handbuch nicht fertig werden will. Eppendorf läßt seine englische Informationstexte von einer kleinen eigenen Übersetzungsabteilung machen, einer Deutschen, einer Amerikanerin, einem Engländer. Dreiviertel ihres Pensums, nämlich etwa 1500 Seiten im Jahr, erledigen sie seit 1983 mit dem kommerziellen Programm LOGOS. Für ihre Zwecke haben sie sich seitdem ein eigenes Lexikon mit etwa 12 000 Einträgen aufgebaut.