• „Kunstgeschichte“

Eine Einführung, herausgegeben von Hans Belting, Heinrich Dilly, Wolfgang Kemp, Willibald Sauerländer und Martin Warnke; Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1986; 306 S., Abb., 29,50 DM

Kunstgeschichte ist ein Fach, dem man sehr viel Liebe entgegenbringen, in das man große Hoffnungen setzen kann. Heinrich Dilly schreibt davon in seinem Vorspann zu einer neuen Einführung in diese Disziplin. Schon wieder eine? Gibt es nicht bereits zahllose? Natürlich. Und doch, diese unterscheidet sich von ihren Vorgängerinnen. Nach der aufmunternden Einleitung folgen nicht die verehrten, bewunderten Gegenstände, nicht Epochen, Stile, große Vertreter ihrer Kunst. Die Wissenschaft ist lebendig. Und so findet der Leser vielmehr knappe Einführungen in die Kunst, Bilder, Skulpturen, Gebäude zu klassifizieren, Herkunft, Alter und Echtheit zu bestimmen. Er findet verständlich geschriebene Aufsätze über die verschiedenen methodischen Ansätze, die Kunsthistoriker zum Deuten von Kunstwerken benutzen: Da sind Ikonographie und Ikonologie, der formalanalytische, rezeptionsästhetische, sozialhistorische oder feministische Ansatz: Niemals vergessen, die Probe aufs Exempel: die Karlskirche in Wien, Dürers „Melencolia I“ oder Duccios „Maestà“, Beispiele, an denen die Wirksamkeit der Methode getestet wird. Ein kleines Verzeichnis weiterführender Literatur am Ende jeden Aufsatzes macht den Leitfaden komplett. Elke von Radziewsky

„Und wurde nicht ihr Staat“

Erfahrungen emigrierter Schriftsteller mit Westdeutschland, herausgegeben von Peter Mertz; C. H. Beck Verlag, München 1986; 310 S., 34,– DM

Geschichtsschreibung – politisch wie literaturwissenschaftlich – ist im Deutschen stets etwas bemüht, trocken. Peter Mertz, Dramaturg und Redakteur beim ORF in Wien, ist da eine rühmliche Ausnahme. In der Art eines Feature, mit Gespür für Erzähltempo und -Spannung, verfolgt er die Schicksale emigrierter deutscher Schriftsteller bei der Rückkehr in das von den Nationalsozialisten zerstörte Heimatland. Er zeigt die Hoffnungen der Exilierten auf einen Neubeginn ebenso wie die Enttäuschungen: viele mußten erleben, daß sie inzwischen einer ganzen Lesergeneration unbekannt waren und Mühe hatten, Verlage und Publikum zu finden.

Das Material, auf welches sich Mertz stützt, erforscht Reden, Briefe, Tagebücher, Romane, Erzählungen. Diese Texte von Schriftstellern wie Thomas Mann, Bert Brecht, Oskar Maria Graf, Erwin Piscator und vielen anderen interpretiert er nicht als Kunstwerke, sondern als Dokumente des Exils und des enttäuschten Heimkehrwunsches. Vom fatalen Streit um die „Innere Emigration“ ist die Rede, von verfehlter Entnazifizierung und Verdrängung der Schuldfrage, von Wiederaufbau-Euphorie, Kaltem Krieg und einem restaurativen Klima, in dem die Autoren des Exils wie Fremdkörper und ewig gestrige Moralisten wirkten. Es gelingt Mertz, die persönlichen Erfahrungen und Mißerfolge der Emigranten als Spiegel der verpaßten Chancen in der Geschichte der frühen Bundesrepublik zu sehen. Das faktenreiche und spannende Buch erhellt die noch immer verdrängte Wirklichkeit, die Peter Härtling einmal so benannte: „Zehn Jahre nach der Niederlage war kaum ein namhafter Emigrant in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Nach Europa wohl. Die Emigranten wohnten in der Schweiz, in Frankreich, in Italien. Und in der DDR.“ Frank Dietschreit