Den Kopf in der Schlinge – so stehe ich mit puddingweichen Knien vor dem Opera House. 5000 Dollar Belohnung – tot oder lebendig – sind ausgesetzt auf das Girl, das als „Desert Juwel“ wohl den Wilden Westen unsicher gemacht hat. In Trail Dust Town haben sie mich geschnappt, die wachen Vigilantes, bärtige, düster dreinblickende Männer mit Jeans und Cowboyhut. Nun habe ich ihn um den Hals, den brandneuen Strick. Das Gejohle ist groß, Blitzlichter zucken durch die Nacht. Im letzten Augenblick jedoch komme ich mit dem Leben davon.

Die Vigilantes sind ehrenwerte Bürger der Stadt Tucson im US-Bundesstaat Arizona, die Besuchern den Spaß machen, den Wilden Westen am lebenden Objekt zu demonstrieren. „Hanging“ heißt der Programmpunkt, der sich gerade bei Incentive-Reisen ganz besonderer Beliebtheit erfreut und nun acht deutschen Planern solcher Touren als Highlight für ihre zukünftigen Programme nahegebracht wird: Die Show dient dem Zweck, Arizona als Ziel für deutsche Incentive-Reisen schmackhaft zu machen, jenen Reisen also, die dazu dienen sollen, als verlockende Belohnung Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzuspornen.

In Arizona hat man Übung im Umgang mit derlei Art zu reisen. Bei den Amerikanern ist der Staat mit der „grünsten Wüste der Welt“, den weltberühmten übermannshohen Saguaro-Kakteen, den guten Hotels und den ebenso guten Tagungsmöglichkeiten seit langem beliebte und offensichtlich auch bestens gebuchte Destination für Kongresse und Konferenzen, Meetings und Incentives.

Trail Dust Town, dort wo der Strick für mich geknüpft war, ist ein künstliches Westernkaff im Stadtgebiet von Tucson. Es hat Läden, ein altmodisches Photostudio, ein prächtig-plüschiges Opernhaus, in dem es sich trefflich feiern läßt – das Klavier klimpert per Walze, die Cancan-Tanztruppe kann gemietet werden – und einen großen rustikalen Restaurantkomplex, in dem riesige Steaks, die auf dem Holz des Mesquite-Baums gegrillt werden und wunderbar würzig schmecken, serviert werden. Aber schon bleibt manchem das Steakstück im Hals stecken, denn nun geht’s zwar nicht an den Kragen, dafür aber an den Schlips. Ratsch, als war’s Karneval in Köln, ist die Krawatte abgeschnitten. Versehen mit einer Karte, die an den Besitzer erinnert, wird sie nun von der Decke baumeln, ewiges Andenken an die Besucher aus Deutschland (– indes muß niemand um sein Eigentum bangen, die Krawatten können geliehen werden).

Arizona hat seine guten Gründe, auch für deutsche Incentive-Gruppen attraktiv zu sein. Seit der Dollar hinuntergerutscht ist, sind die Preise wieder interessant geworden (schon von 65 Dollar an läßt sich in der Nebensaison ein komfortables Hotelzimmer in einem der großen Resorts mieten); Arizona hat außerdem den für Incentive-Reisen wichtigen Reiz des Neuen und Außergewöhnlichen (Florida und New York gelten als abgeklappert), und schließlich bietet es eine Fülle von Aktivitäten – das besondere Erlebnis, auf das es ankommt bei solchen Touren.

„Lobo“ ist friedlich und verfressen. Während er mich eine Dreiviertelstunde lang von der Tanque Verde Ranch aus durch die Wüste trägt, dorthin wo wir zum Westernfrühstück (mit Rührei und Blaubeerpfannkuchen) lagern werden, knabbert er sich schon kräftig satt. Wie an 360 Tagen im Jahr scheint die Sonne von Arizonas strahlend blauem Himmel, 25 Grad im November, die Saguaro-Kakteen recken photogen ihre Arme in den Himmel, das Pferd trottet sanftmütig durch die bergumsäumte Szenerie. Wäre nicht die lange Reihe der Mitreiter, man könnte sich fühlen wie Old Shatterhand. Das Leben im Wilden Westen ist denn auch das Thema, unter dem sich Arizona als Belohnungsziel anbietet und die deutschen Incentive-Planer animiert. Die prunkvollen Gürtelschnallen von gewaltigen Ausmaßen wären, mit dem eigenen Firmenzeichen versehen, ein lohnendes, themenbezogenes Geschenk, ebenso die Cowboyhüte, die unsere Truppe wohl nur noch zum Schlafen vom Kopf nimmt. Fast vergessene Kindheitsträume von Zelt und Lagerfeuer werden plötzlich wieder wach. Begeistert zeigen sich alle von der Idee, als einen der Höhepunkte ihrer Incentive-Tour eine Übernachtung im Freien zu inszenieren. Hinausreiten in die Wüste, in die Santa Catalina Mountains, Countrysongs am Lagerfeuer summen, Steaks braten und Bohnen löffeln unter dem Sternenhimmel Arizonas, der hier viel heller zu funkeln scheint als in nördlichen Breiten.

„Theme party“ heißt das Stichwort für Maskeraden im Hotel. Die Hotelmanagerinnen schwärmen von den „Cancan“-Abenden und den „Monte-Carlo-Nights“. Den deutschen Managern steht indes eher der Sinn nach der mexikanischen Fiesta (die Grenze liegt nur eine gute Autostunde von Tucson entfernt), am meisten aber nach der Cowboyparty im Westernstil, möglichst mit Verkleidung und dem Boß als Banditen.