Das Landeskrankenhaus Eickelborn versucht eine Therapie seelisch kranker Straftäter

Von Roland Kirbach

Eickelborn

Seit sechzehn Jahren arbeitet Vera Schumann, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, in Eickelborn bei Lippstadt in Westfalen. Hier, inmitten ländlicher Idylle zwischen Dortmund und Bielefeld, werden seit mehr als 100 Jahren psychisch Kranke untergebracht, seit 50 Jahren auch Bielefeld, kranke Straftäter. Zeitweilig Jahren bergte das Westfälische Landeskrankenhaus Eickelborn, wie es früher hieß, an die 800 Patienten.

Die etwa 50 Gebäude, die in einem weitläufig angelegten Park zu beiden Seiten der Dorfhauptstraße liegen, wurden um die Jahrhundertwende errichtet – massive Klötze, die meisten mit dicken Eisengittern vor den Fenstern. Wie Gefängnisse wirken sie, und das waren sie in der Regel auch: bloße Verwahranstalten. Therapie wurde klein geschrieben. Vor allem die psychisch kranken Rechtsbrecher hielt man wie Zuchthäusler. Wenn sie zur Arbeit aufs Feld gingen, wurden sie von scharfen Hunden bewacht.

Psychisch krank und kriminell zu sein, sagt Vera Schumann, bedeute „eine doppelte Ächtung“. Diese Menschen – in der Bundesrepublik derzeit etwa 2500 – lebten „fast chancenlos“ am Rand der Gesellschaft. Es sind Straftäter, die vom Gericht zwar verurteilt wurden, aber dennoch nicht ins Gefängnis müssen. Sie gelten nach Paragraph 20 des Strafgesetzbuches als schuldunfähig oder vermindert schuldfähig „wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinn oder einer anderen Abartigkeit“. Ergibt, führt der Paragraph 63, 1 aus, „die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat“ darüber hinaus, „daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist“, ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. „Maßregelvollzug“ heißt das im Justiz-Jargon.

Vor rund sechs Jahren faßte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster, Träger des Westfälischen Landeskrankenhauses Eickelborn, den Entschluß, „die unzulänglichen Behandlungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten“ für die Patienten im Maßregelvollzug im eigenen Bereich analysieren zu lassen. Der renommierte Professor Wilfried Rasch, Ordinarius für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin, wurde mit einem Gutachten zur Situation in Eickelborn beauftragt. Rasch hatte früher selber als junger Arzt in Eickelborn gearbeitet und dort zum Beispiel auch Jürgen Bartsch behandelt. Rasch verpaßte dem Haus ein grundlegend neues Konzept, das seit April 1984 nach und nach verwirklicht wird.