Diese Verhältnisse haben die Hamburger nicht gewollt. Aber nach den Ergebnissen der Bürgerschaftswahl werden sie vorerst damit leben müssen: mit einem Senat, der ohne das Fundament einer parlamentarischen Mehrheit praktisch nicht mehr regieren, sondern nur noch verwalten kann; mit Parteien, deren Aufmerksamkeit von taktischen Überlegungen statt dem Interesse am Gemeinwohl in Anspruch genommen wird; mit einem politischen Zustand also, unter dem die Hansestadt schon einmal vor vier Jahren litt, und der statt Unregierbarkeit, wie fälschlicherweise behauptet wurde, die Unfähigkeit der lokalen Politik zum Konsens bezeugte. Kurz: Die Bürger an Alster und Elbe erleben wieder einmal Hamburger Verhältnisse, ungewollt, aber herbeigewählt.

Die Hauptschuld an der Malaise trifft die Sozialdemokraten selbst. Die Partei, die seit Jahrzehnten die Macht innehatte, die zu Hamburg paßte wie Hummel-Hummel und Hafen, konnte den Wählern nicht mehr viel bieten. Sie bestach weder durch Leistungen noch Visionen, sie sprach weder Herz noch Hirn an. Die Quittung für ihre Schwächen ist dementsprechend ausgefallen. Die SPD hat nicht nur die absolute Mehrheit verloren. Sie ist im Kern getroffen, weil sie auf den zweiten Rang abrutschte und mit Klaus von Dohnanyi auch noch ihren letzten Hoffnungsträger verschliß.

Die Herausforderer haben kein ausreichendes Mandat erhalten, um den politischen Erdrutsch auszugleichen. Die CDU kann sich zwar als Sieger fühlen, weil sie zur stärksten Partei geworden ist, aber ihr Zugewinn an Stimmen reichte auch nicht annähernd aus, um das von der SPD hinterlassene Machtvakuum zu füllen. Die Grün-Alternativen (GAL) scheiden von vornherein als konstruktiven Faktor aus, weil sie keine politische Verantwortung für die Stadt tragen wollen. Die Freien Demokraten schließlich spielen weiterhin keine Rolle, weil sie den Einzug in die Bürgerschaft wieder nicht schafften. Sie können weder den erhofften Part des Korrektivs in einem SPDgeführten Senat übernehmen, noch bot sich ihnen die (wahrscheinlich auf lange Zeit letzte) Chance, der babylonischen Gefangenschaft an der Seite der Union wenigstens in einem Bundesland zu entkommen. Ihrem Spitzenkandidaten Ingo von Münch blieb lediglich in seinem Schwanengesang zu erklären, was viele Hamburger denken: "Der Senat hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit zu sagen, wohin die Reise geht."

Auf solche Richtungsweisungen haben die Hanseaten bisher vergeblich gewartet. Statt sozialdemokratischer Stimmen waren nur christdemokratische zu hören. Sie klingen ermunternd und werbend, doch können sie ihre Adressaten nicht erreichen. Das Angebot der CDU an die Sozialdemokraten zur Zusammenarbeit verhallt vorerst ohne Echo. Damit setzt sich fort, was schon im Wahlkampf zu beobachten war. Die Christlichen Demokraten ergreifen die Initiative. Beim Ringen um die Wähler plazierten sie die Themen auf die Tagesordnung. Beim Gerangel um die Machtverteilung besetzten sie die Begriffe. "Vernunft" und "Verantwortung", die derzeitigen Lieblingsvokabeln der CDU, wagt in dieser Situation jedenfalls keiner der Sozialdemokraten in den Mund zu nehmen.

Wie sollten sie auch, wo überdeutlich ist, daß die sozialdemokratische Zerrissenheit jede Bewegung verhindert. Wenn die Wähler, die gegen die SPD stimmten, noch nach der letzten Rechtfertigung suchten, dann wird sie ihnen in nächster Zeit aller Voraussicht nach überreichlich geboten. Der Bruderzwist der Genossen offenbart sich schon bei der Ergebnisanalyse. Tragen die Rechten Schuld am Wahldebakel, weil sie mit schwerer Hand für Recht und Ordnung sorgen wollten? Haben die Linken die Wähler abgeschreckt, weil sie für mehr Wohlfahrtsstaat plädierten und Wesensverwandtschaft mit der GAL erkennen ließen? Oder ist gar Klaus von Dohnanyi zu schelten, dessen Konterfei auf den Plakatsäulen letztlich jeden Programmanspruch ersetzen sollte?

Schon werden in der SPD Namen genannt, die ihn ersetzen sollen. Es fragt sich inzwischen, ob der Bürgermeister überhaupt die Chance erhält, seinen Anspruch zu erfüllen, "die Stadt regierungsfähig und entwicklungsfähig" zu erhalten. Da es Dohnanyi nicht gegeben ist, persönliche Loyalitäten zu schaffen, darf er sich jetzt kaum wundern, wenn ihm wenig Verbundenheit entgegengebracht wird. Darüber hinaus steht die brüchige Restsolidarität der Hamburger Genossen ohnehin vor ihrer schwersten Belastungsprobe.

Der Spitzenkandidat der CDU, Hartmut Perschau, kleidet die Herausforderung in ein scheinbar unverfängliches Angebot: "Ich stehe jederzeit für faire und vertrauensvolle Gespräche zur Verfügung" – nicht über die Duldung eines sozialdemokratischen Minderheitssenats, nur über die Bildung einer Koalition. Die Offerte entspricht auch dem Wunsch der hanseatischen Mehrheit. Die beiden Großen sollen sich gemeinsam um einen Ausweg aus dem politischen Patt bemühen. Für die SPD aber könnten die Kontakte direkt in ein Minenfeld führen. Es wäre gespickt mit den Mindestforderungen der CDU nach dem Verkauf von Staatseigentum zur Verbesserung der Finanzen, nach einer Liberalisierung der Schulpolitik und verstärkten Maßnahmen zur inneren Sicherheit.