Ohne Anklage, ohne Prozeß, ohne Urteil in qualvoller Einzelhaft

Von Bettina Gaus

Legenden sind zählebig. Das ostafrikanische Land Kenia hat bei uns seit langem den Ruf, ein verhältnismäßig demokratischer Staat zu sein, in dem die Menschenrechte weitgehend beachtet werden. Wahr ist: Als Präsident Daniel Arap Moi im August 1978 die Nachfolge des verstorbenen Jomo Kenyatta antrat, entließ er alle politischen Gefangenen aus der Haft. Wahr ist aber auch: Inzwischen gibt es andere, die aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen, auf unbestimmte Zeit, ohne Aussicht auf ein Gerichtsverfahren und ohne die Möglichkeit, sich verteidigen zu können.

Einer von ihnen ist der 41jährige Ingenieur Raila Odinga. Früher war er ein angesehener Mann: Er hatte in den sechziger Jahren, wie damals viele seiner Landsleute, in der DDR – in Magdeburg – studiert. Nach seiner Heimkehr lehrte er zunächst an der Universität von Nairobi, später wurde er stellvertretender Direktor des kenianischen Normungsinstituts.

Die Wende in seinem Leben wurde durch ein Ereignis eingeleitet, an das sich hierzulande wohl nur noch wenige erinnern: Am 1. August 1982 versuchten Teile der kenianischen Luftwaffe, den Präsidenten zu stürzen. Der dilettantisch geplante Putsch schlug fehl; für die Regierung war er Anlaß, noch härter als zuvor gegen Oppositionelle vorzugehen. Einige Monate vorher bereits hatten zahlreiche Intellektuelle das Land verlassen. Die meisten von ihnen wanderten damals nach London aus, in die Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien, weil sie in Nairobi keine Möglichkeit für eine politische Betätigung mehr sahen.

Im Juni 1982 nämlich war das pro-westlich orientierte Kenia auf dem Wege einer Verfassungsänderung zum Einparteienstaat erklärt worden. Für diesen Schritt gab es Gründe: Die Anzeichen hatten sich verdichtet, daß die Gründung einer sozialistisch orientierten Oppositionspartei bevorstand. An Einfluß gewonnen hätte damit ein Mann, der bereits früher einmal ein hochrangiger Politiker gewesen war: Oginga Odinga, der Vater von Raila.

Er war unter Kenyatta Vizepräsident gewesen, noch in den sechziger Jahren aber kam es zum Bruch. Odinga wurde inhaftiert und blieb nach seiner Freilassung von politischen Ämtern ausgeschlossen.