Von Klaus Modick

Daß ein Teil der Science-fiction-Literatur aus den Kinderschuhen billiger Serienromane herausgetreten ist und den Verdacht des Trivialen abgeschüttelt hat, ist wesentlich auch das Verdienst des 65 Jahre alten polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem. Sein umfangreiches Werk – neben Romanen sind das auch theoretische Arbeiten zur Kybernetik, Literaturtheorie und Futurologie – beweist nachdrücklich, daß Weltraumfahrt und kosmologische Abenteuer der Literatur neue Möglichkeiten eröffnen. Die Extrapolation zukünftiger Entwicklungen verschafft der Literatur vielleicht wieder jene Kraft, die sie seit der Renaissance immer stärker eingebüßt hat: auf die technische Entwicklung nämlich nicht bloß reagierend oder gar harmonisierend zu antworten, sondern sie zu antizipieren – allerdings nicht in den spinnerten und aggressiven Spekulationen der Star-Wars-Filme, sondern auf der Basis gegenwärtiger wissenschaftlicher Standards.

„Die Grenzen der Phantasie sind viel weiter gesteckt als die Begründung von Theorien“, heißt es programmatisch in Lems neuem Buch „Fiasko“. Thematisch knüpft Lem wieder an eines seiner Hauptmotive an, die schon frühere Romane wie „Eden“ (1959), „Der Unbesiegbare“ (1964) oder „Solaris“ (1968) bestimmten: Die Kritik anthropozentrischer Vorurteile.

„Fiasko“ beschreibt den Versuch eines irdischen Raumfahrtkommandos, im 22. Jahrhundert Kontakt zur Zivilisation des fremden Planeten Quinta aufzunehmen. Aber die „Begegnung der dritten Art“ scheitert; denn „das Wirken der Vernunftbegabten“ auf Quinta ist „entweder unvernünftig – oder unverständlich, weil nicht einzuordnen in die Kategorien unseres Denkens“. Das Bild, das sich der Leser von diesem unverständlichen Wirken fremder Vernunftbegabter machen kann, ist aufgerastert – ein bestechender Kunstgriff Lems – in die verschiedenen Psychologien der menschlichen Besatzung (zu der auch ein Super-Computer mit dem Namen GOD zählt!).

Die Spannung der Handlung resultiert daraus, daß Lem den Leser auf den „Kontakt“ immer neugieriger macht, zahlreiche Hypothesen und Theorien über das Unbegreifliche anbietet, eine Kommunikation aber nicht zustande kommen läßt. Denn „Kommunikation“ wäre wiederum nur in den Kategorien unseres Denkens denkbar.

Neben der Variation des Motivs, das einen Kontakt gewissermaßen zum Kurzschluß werden läßt, der schließlich in einer, durch menschliches Versagen verschuldeten, Katastrophe endet, ist „Fiasko“ auch ein Lehrstück über den Wahnwitz von SDI und Star-Wars-Träumen. Quinta nämlich, so eine der Theorien, könnte eine Zivilisation sein, deren totale Aufrüstung des Weltraums einem permanenten politischen Konflikt entstammt, „der die Gegner voll in Anspruch nimmt und ihre Ressourcen auslaugt“ und somit zum Kollaps des Ganzen führt.

Somit ist Lems erzähltechnisch sehr differenziertes Buch, das auch mit einer Fülle mythologischer und biblischer Motive spielt (und zudem noch Humor hat), eine nachdrückliche Warnung vor jedem kosmischen Imperialismus, gleich, ob er sich gegen die eigene oder eine fremde Gattung wendet.