Mannheim: „Les Nouveaux Réalistes“

Noch sehr nach Tachismus sehen am Eingang zur Ausstellung die großen frühen Arbeiten von Arman aus, doch ist es – 1957 und 1958 – nicht mehr die „biographische Spur“ des Malers, die sie geschrieben hat, sondern die Spur und der Abdruck von Gegenständen, die dann in einem folgenden Schritt selbst ins Bild und an seine Stelle rücken. Am 27. Oktober 1960 treffen sich die Künstler Arman, Dufrêne, Hains, Tinguely, Villeglé, Spoerri und Raysse sowie Kritiker Restany in der Wohnung Yves Kleins, um die Gründungsurkunde des Nouveau Réalisme zu unterzeichnen; Rotella und César gehören in Abwesenheit dazu, später kommen Niki de Saint-Phalle, Deschamps und Christo. Man formiert sich: wider den Tachismus und alle Doktrinen des Abstrakten. Oder, wie Pierre Restany sich ausdrückt: gegen die „visuelle Routine“. Ein unbändiges Interesse an den Dingen des täglichen Gebrauchs verbindet die Künstler. Sie entdecken die „Stadtlandschaft“ und eignen sie sich an. Die Plakatabreißer reißen sich ihre Bilder buchstäblich unter den Nagel; César, Armand, Deschamps agieren als Schrott, Abfall- und Lumpensammler. Spoerri entnimmt dem „wirklichen Leben“ die Nature morte seiner „Fallenbilder“. Klein, „der Monochrome“, der sich für das Ganze und Kosmische begeistert, malt seine Bilder der suggestiven Leere. Ein Werk aus der Serie der Körperabdrucke nennt er „Grande Anthropophagie bleue“ – Große blaue Menschenfresserei: So gerät die Bildstrategie zum Ritual. Aus ihrer Liebe zum Material entwickeln die Nouveaux Réalistes einen Materialkult. Anders als die pure amerikanische Pop-art, die die Emotion aus dem Bild der Warenwelt aus- und das Produkt oder die Information kommentarlos in die Kunst einblendet, sucht der Nouveau Réalisme immer die Identifikation mit dem Gegenstand, der für ihn eine Quelle der Vitalität darstellt. Dennoch wird er schon bald mit der Pop-art zusammengesehen und geht in deren wachsender Welle ein wenig verloren. Heute sind seine Protagonisten in sehr unterschiedlicher Weise gegenwärtig. Neben dem 1962 verstorbenen Klein sind es vor allem Christo und Tinguely, die sich einen Platz auch außerhalb des engeren Kunstzirkels gesichert haben. Die Mannheimer Ausstellung – eine etwas veränderte Zusammenstellung dessen, was bereits im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris zu sehen war – konzentriert sich freilich auf die eigentliche Lebenszeit des Neuen Realismus, auf die Zeit der Entdeckungen in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren. (Kunsthalle bis 4. Januar 1987, anschließend in Winterthur, Katalog 45 Mark) Volker Bauermeister