Von Rolf Zundel

Die Klinik liegt im Westen Londons, in einem Vorort, wo sich das Hauptstädtische im Alltäglichen verliert: einfache Restaurants und kleine Geschäfte, meist von Indern betrieben, säumen die Hauptstraße auf der einen Seite, Wohnblocks mit farbigen Mietern auf der anderen. Wo die Straßen stiller werden, beginnen die Reihen kleiner Häuser, in denen hinter winzigen Vorgärten der Mittelstand etwas Distanz sucht und Sicherheit, nicht immer erfolgreich. Viele Wohnungen stehen zum Verkauf. Die Klinik liegt nicht an einem herausragenden Ort, eher an einem durchschnittlichen Umschlagplatz des Lebens, der überall und nirgendwo sein könnte. Kein schlechter Platz für Gerda Boyesen, die sich kaum in einen vorgegebenen Rahmen einordnen läßt.

Klinik: das Wort führt etwas in die Irre. Nichts von chromblitzender Zweckmäßigkeit, von langen und leeren Gängen. Da steht, etwas abgesetzt von der Hauptstraße, ein schmales Zweistockwerk-Gebäude mit grau gewordenen Mauern; die Versuche, Fenster und Simse weiß und blau aufzumuntern, liegen offenbar lange zurück. Innen ist das Haus verwinkelt, das Mobiliar zum Teil reichlich gebraucht. Im Empfangsraum warten Menschen, deren soziale Herkunft schwer zu bestimmen ist, die meisten jung, Männer sind in der Minderzahl. Der Ton ist locker, fast familiär. Die Zeitschriften und Broschüren auf den Tischen handeln viel von Ökologie und New Age.

Auf zwei Seiten gehen die Fenster zu einem Park, wo Kinder spielen und Hunde aller Rassen ausgeführt werden. Ein Pärchen liegt unter einem alten Baum. Auf einem gesonderten Stück kurzgeschorenen Rasens befolgen weißgekleidete Leute mit gesammeltem Ernst das Ritual des Bowling.

Acacia House heißt die Klinik, benannt nach einem Akazienbaum neben dem Eingang. Sie ist, auf ihre Weise, dennoch ein besonderer Platz. Als Gerda Boyesen Anfang der siebziger Jahre ein

Haus in London suchte, hatte ihr ein Wahrsager prophezeit, ein seltener Baum stehe davor und im Garten sei eine Quelle. Auf einer Party war ihr dann Sean Connery begegnet, der James-Bond-Darsteller, und hatte ihr sein Haus angeboten. Sie hatte, etwas überrascht von so viel Großzügigkeit, abgelehnt. Jahre später erhielt sie eine Offerte. Als sie sich das Haus ansah, war alles so, wie ihr vorausgesagt worden war: der Baum stand davor, im Garten plätscherte ein kleiner Brunnen. Sie kaufte es von einem Mann, der es von Sean Connery übernommen hatte.

Es ist eine der vielen seltsamen Geschichten Gerdas; in Wirklichkeit ist sie natürlich noch komplizierter und komischer. Gerda erzählt sie in einer eigentümlichen Zwischenlage, die offenläßt, ob die vergnüglichen Zufälle eine hintersinnige Bedeutung haben. Die Zuhörer schmunzeln, luchern, und sind sich doch nicht ganz sicher, ob sie nicht in eine neue und zugleich uralte Landschaft menschlichen Daseins, gelockt worden sind.