Von Barbara Ungeheuer

Sie kommt die Rolltreppe im UN-Gebäude herunter, und für einen Augenblick lang sind alle Blicke auf die große Frau im sonnenblumengelben Blazer gerichtet. Nora Astroga tritt auf, wo immer sie erscheint. Die hohen Backenknochen, das enganliegende Kopfhaar über dunkelbraunen Mandelaugen erinnern an indianische Physiognomien. „Norita“, ruft ihr der französische UN-Botschafter Claude de Kemoularia zu und küßt ihre Hand.

Sie lächelt.

Wie einfach und schwer ist die Vorstellung, daß ihr Charme zum Flirt führen konnte, der einen Somoza-General mit aufgeschlitzter Kehle in ihrem Schlafzimmer zurückließ! Seitdem Nora Astorga, Nicaraguas stellvertretende Außenministerin und UN-Botschafterin, 1978 den zweiten Mann in Somozas Nationalgarde, General Perez-Vega, in ihr Haus lockte, wo ihn drei sandinistische Companeros umbrachten, ist sie zum Stoff für Legenden geworden.

Für die Linke ist sie eine Heldin, die ihr Leben riskierte, eine priviligierte Existenz und Mutterschaft für ein Gewehr eintauschte, um ihr Land zu retten. Bei den Contras gilt sie als grausame femme fatale, Protagonistin im schrecklichsten aller Macho-Alpräume. Washington hat sie zur kommunistischen Mata Hari abgestempelt. Vor zwei Jahren lehnte das Weiße Haus auf Drängen der CIA (der ermordete General hatte in ihren Diensten gestanden) Astorgas Akkreditierung ab.

„Sie trägt ihre Vergangenheit wie andere Frauen ihr Parfüm“, meinte ein westlicher Delegierter, als Nora Astorga mit ihrem Außenminister Miguel D’Escoto Brockmann zusammen am hufeisenförmigen Konferenztisch des Sicherheitsrates Platz nimmt. Dem Franzosen de Kemoularia leuchten die Augen, wenn er jetzt, kurz vor Beginn der von Nicaragua einberufenen Sicherheitsratsdebatte, noch einmal an den Tag zurückdenkt, als Nora vor vier Jahren zum ersten Mal in der blau-grauen See der UN-Vollversammlung auftauchte; „Es war beeindruckend, mit welcher Gelassenheit sie den Augen der Delegierten aus 158 Ländern begegnete – Quel aureole!“ (welch Glorienschein!).

Nora Astorga lächelt, als ich das Kompliment ihres Kollegen wiederhole. Wir sitzen auf der Ledercouch in ihrem Botschaftsbüro an einem späten Freitagabend. Diese Woche, in der Nicaragua die lange Liste amerikanischer Aggressionen vor dem Sicherheitsrat erneut anreichern konnte, diese Woche, in der Washington den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Managua erwog, hat Schatten auf das Gesicht der 37jährigen gelegt. Sie wirkt älter und lastenmüde. Ihre Stimme ist rauchig und weich zugleich, der spanische Akzent ohne hartes Staccato. Sie streift die hohen Hacken ab („is this okay with you?“) und zündet die nächste Marlboro an.