Die Einladung kam reichlich kurzfristig. Am-Montagmorgen dieser Woche gegen 10.30 Uhr wurden die Anteilseigner der Gewerkschaftsholding BGAG gebeten, sich am selben Abend um 18 Uhr im Bildungszentrum der Bank für Gemeinwirtschaft in Oberursel bei Frankfurt einzufinden. Um Bildung sollte es freilich nicht gehen. Den Spitzenfunktionären im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) stand vielmehr eine weitere Überraschung in Sachen Neue Heimat bevor.

Mit Erbitterung vernahmen die Gewerkschaftsoberen, was Rolf J. Freyberg, Vorstandsmitglied der BGAG, ihnen vortrug: Die Neue Heimat soll – zwei Monate nach dem Verkauf an den Berliner Brotfabrikanten Schiesser – schon wieder den Besitzer wechseln; sie soll in den Schoß der Gewerkschaftsholding und damit der Gewerkschaften zurückkehren.

Der Plan, der am Wochenende im Büroturm der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) ausgeheckt und mit Vertretern von sechs Gläubigerbanken vorbesprochen, dann am Montag einem Gremium von fünfzehn Banken vorgetragen worden war, sieht vor, den Wohnungskonzern in eine Auffanggesellschaft einzubringen, an der „außer uns Dritte beteiligt“ werden, wie es in einer Erklärung der BGAG heißt. „Wir denken zum Beispiel an wohnungswirtschaftlich interessierte, öffentliche und private Kreise.“

Die Leitung dieser Auffanggesellschaft soll ein Treuhänder übernehmen, wahrscheinlich ein renommierter Bankier, der nicht nur die wohnungs- und kreditwirtschaftlichen Probleme managen, sondern sich auch auf der politischen Bühne bewegen kann. Erwünscht sei „eine Figur zwischen Helmut Schmidt und Hermann Josef Abs“, zeichnete etwa ein Bankier das Profil der gesuchten Person. Die zu finden, wird nicht ganz leicht fallen. Ein Kandidat aber, der als heißer Kandidat für den Posten genannt wird, bringt zumindest einschlägige Erfahrung mit: Heinz Sippel, bis zum vergangenen Jahr Chef der Hessischen Landesbank, hatte das mit hohen Verlusten aus Kreditengagements kämpfende Institut saniert und dürfte sich auch im Umgang mit Politikern auskeimen. Möglicherweise erhält er auch Hilfe von einem baden-württembergischen Konkursverwalter, dessen Rat Franz Steinkühler einholen will.

Die Bankiers waren es zufrieden, weil sie es nun nicht mehr mit Horst Schiesser zu tun haben, sondern wieder mit der BGAG und den Gewerkschaften, die durch den Verkauf der BfG-Mehrheit gerade einen Batzen Geld in die Kasse bekommen. Die Gewerkschaftsholding zeigte sich denn auch nicht kleinlich. Sie will der neuen Auffanggesellschaft nicht nur das „Schiesser-Paket“ zukommen lassen – das heißt mit rund einer Milliarde Mark dafür sorgen, daß die Neue Heimat liquide bleibt und ihre Zinsen zahlen kann – die BGAG will auch die Verluste der Neuen Heimat in diesem und im nächsten Jahr übernehmen und damit für ausgeglichene Bilanzen sorgen.

Im Gegenzug wollen die Banken bis mindestens zum 31. Dezember 1987 stillhalten (also ein Jahr länger als bisher vereinbart) und auf Kreditkündigungen verzichten. Auch über eine Änderung der Tilgungsmodalitäten für die Rückzahlung der Neue-Heimat-Kredite könne man reden.

Damit kann in der zeitweilig vom Drama zur Posse gewandelten Neue-Heimat-Affäre ein neuer Akt beginnen, in dem „in Ruhe gemeinsam mit Gläubigern Lösungen gesucht und verfolgt werden können, die auf eine geordnete Bedienung der Verbindlichkeiten ... unter Würdigung der Belange der Mieter hinauslaufen“. So die offizielle Verlautbarung. Weniger verklausuliert heißt das wohl: Die Liquidierung des einstmals größten Wohnungsbaukonzerns in Europa wird eingeleitet.