Zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Newsweek-Interviews mit Helmut Kohl, in dem der Kanzler eine Parallele zwischen Gorbatschow und Goebbels gezogen hatte, nahm erstmals ein sowjetischer Spitzenpolitiker öffentlich Stellung.

Vor einer internationalen Pressekonferenz in Moskau sagte Außenminister Eduard Schewardnadse, der Bundeskanzler habe in der sowjetischen Führung durch sein Interview tiefe Empörung hervorgerufen und das Land zutiefst beleidigt. Ohne den Namen von Joseph Goebbels zu erwähnen, bezeichnete Schewardnadse „gewisse von Kohl kürzlich gemachte Äußerungen“ als „unzulässige Vergleiche“ mit beleidigendem Charakter.

Die Sowjetunion wolle zwar auch weiterhin ihre guten Kontakte zur Bundesrepublik fortsetzen. Allerdings sei es schwierig, über die zukünftigen Beziehungen zu Bonn genaue Angaben zu machen. Als Ansprechpartner in der Bundesrepublik nannte er „das Volk, die Geschäftsleute, Parteipolitiker und Staatsmänner“. Schewardnadse gab auf diese Weise deutlich zu verstehen, daß Helmut Kohl aus diesem Kreis erwünschter Gesprächspartner vorerst ausgeschlossen bleibt. Damit bestätigte er auch inoffizielle Stimmen in der sowjetischen Hauptstadt, die nach dem Newsweek-Interview verbreiteten, jetzt sei ein Treffen zwischen Kanzler und Generalsekretär nicht mehr ohne weiteres möglich. Auch die ersten Männer der osteuropäischen Staaten werden sich nun wohl vor Freundlichkeiten an die Adresse des Bonner Kanzlers hüten müssen, und für einen Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik ergibt sich daraus ein neues Hindernis.

Mit Genugtuung registrierte Schewardnadse, daß die umstrittene Kohl-Äußerung in der bundesdeutschen Öffentlichkeit verurteilt worden sei. Über all dies habe er offen bei seinem Wiener Treffen mit Außenminister Genscher gesprochen: eine deutliche Kundgebung des sowjetischen Außenministers, daß die Regierung heute in Genscher einen der wenigen Bonner Regierungspolitiker sieht, mit denen man in schwieriger Situation das Gespräch schätzt. Schewardnadse ließ verstehen, daß gerade beim letzten Besuch Genschers in Moskau vor wenigen Monaten Entscheidendes erreicht worden sei. Das damalige Treffen zwischen dem Bonner Außenminister und Gorbatschow stufte Schewardnadse nachträglich als „sehr wichtig“ ein. Nun aber hätten sich die Beziehungen zur Bundesrepublik durch Kohls Äußerungen verschlechtert.

Aus Schewardnadses Darlegung geht nicht hervor, ob Moskau den Terminplan für die Ministertreffen mit Landwirtschaftsminister Kiechle und Familienministerin Süssmuth einhalten wird. Noch in diesem Monat soll Kiechles sowjetischer Kollege Murachowski, Vorsitzender des Staatskomitees für den agrarindustriellen Komplex und erster stellvertretender Ministerpräsident, zu einer Vertragsunterzeichnung nach Bonn kommen. Frau Süssmuth ist für den Dezember in Moskau angesagt, um ein Abkommen über medizinische Zusammenarbeit zu unterzeichnen.

Johannes Grotzky (Moskau)