Förderer verhinderten das Ende eines Friedhofs

Von Burkhard Junghanß

Ganze Geschwader von steinernen Engeln in wallenden Gewändern bevölkern diesen Totenwald. Hier emporgereckt, die Flügel ausgebreitet, dort kniend, niedergesunken auf einer Grabplatte, versonnen an ein Kreuz gelehnt. Dazwischen, fast verschlungen von dichtem Unterholz, eine Partie mit Grabkreuzen im keltischen Stil, dicht an dicht, aus einem Meer von Schachtelhalm lugt die Spitze eines ägyptischen Obelisken. Zwei Hände, zum Abschied einander gereicht: „To meet again“ steht hoffnungsfroh in den Marmorstein gemeißelt, der, von Baumwurzeln gesprengt, in der Erde versinkt. Ein Stück weiter, auf verschlungenen Pfaden durch wildwucherndes Brombeergestrüpp und Farn, wacht seit hundert Jahren still und stumm ein Hund auf dem Grabe seines Herrn, hier schlummert ein monumentaler Löwe, dort, auf dem Podest, grast friedlich ein Pferd, „In loving memory“, ein von Moos überwachsenes Geburts- und Sterbedatum, verwittert der Name und vergessen wie die meisten der 166 000 Menschen, die hier in 55 000 Gräbern, Grüften, Katakomben ruhen ...

Vielleicht ist es der ungewöhnlichste und schönste Friedhof der Welt, ganz bestimmt aber der wundersamste, romantischste und geschichtsträchtigste ganz Englands: „Highgate Cemetery“ im Nordwesten von London, eine wahre Nekropolis aus viktorianischer Zeit.

London zu Beginn des 19. Jahrhunderts: mit mehr als einer Million Menschen die größte Stadt der Welt, eine von Leben brodelnde, beständig wachsende Metropolis, in deren Mauern indes die 52 000 Toten eines jeden Jahres bald zum grausigen Problem werden. Die wenigen Gräber auf den Kirchhöfen der City reichen längst nicht mehr aus, sie drohen zu einem gefährlichen Krankheits- und Seuchenherd zu geraten. Per Parlamentsbeschluß werden insgesamt sieben Landflächen. außerhalb der Innenstadt als offizielle Friedhöfe ausgewiesen, das Management an private Betreiber vergeben, was sich bald zum lukrativen Geschäft für die „Cemetery Companies“ entwickelt, ganz besonders in Highgate auf einem Hügel über London, mit Blick auf die City bis hinein ins Tal der Themse: Mit ihrem erlesenen Angebot pomphafter Ruhestätten gelang es der „Company“, die Preise in astronomische Dimensionen zu treiben.

Wer im Leben erfolgreich war, wollte dies auch nach dem Tode noch demonstrieren. So sind in der Totenstadt separate, ganz besonders vornehme und teure Viertel oder Gräberstraßen entstanden: die „Egyptian Avenue“, der „Circle of Lebanon“ oder die „Terrasse der Katakomben“. Dort stapeln sich nun, hinter Fassaden von düsterer Pracht und schweren Bronzeportalen, in kühlen Grüften die Särge und Urnen des Londoner Geldadels aus viktorianischer Zeit, und manche Familie hat sich sogar ihr persönliches Mausoleum kreieren lassen, so auch der deutsche Emigrant Julius Beer, zeitweise Besitzer des Observer, aber trotz seines unermeßlichen Reichtums von der Society Londons nie akzeptiert. Mit seinem Grabmal – demjenigen in Halikarnass, einem der „Sieben Weltwunder“, nachgebildet und innen einst mit purem Gold getäfelt – hat er dafür gesorgt, daß ihn wenigstens nach seinem Tode niemand mehr übersehen konnte.

Die Moden in der Grabgestaltung wechselten: Da gab es die keltische und die ägyptische, die gotische und die präraffaelitische Phase, und mancher hat sich mit seinem Grab sein ganz individuelles Denkmal gesetzt und symbolhaft einen Teil seines Lebens auf den Friedhof mitgenommen: Da thront auf dem Grab des Entertainers ein monströser Flügel, und der einst berühmte Ballonfahrer ziert es mit einem steinernen Fesselballon. Da finden sich Violine und Akkordeon, des Kutschers Horn, Peitsche und Hufeisen, der Lieblingslöwe des Menageriebesitzers, Tennisschläger samt Bällen und Netz, der Säbel eines Generals und Justitias Waage auf dem Grabstein des Richters.