Von Martin Ahrends

Biermann ist ganz anders. Gefaßt war ich auf einen schwierigen Gesprächspartner, der leicht aus der Haut fährt. Gefunden hab’ ich einen bescheidenen, freundlichen kleinen Herrn, der aufgeräumt und nüchtern und in druckreifen, wohlgesetzten Worten über sich Auskunft gibt. Erwartet hatte ich den sinnlichrauhen, sehr männlichen Mann, den mir seine Schallplatten suggeriert hatten. Gefunden hab’ ich einen stillen, geradezu sanften Menschen, "geläutert", hätte man wohl vor hundert Jahren gesagt, und mir will nichts passender scheinen.

"Nur wer sich wandelt, kann sich treu bleiben", sagt Wolf Biermann, er sei gerade auf dem Weg, den zweiten großen Sprung seines Lebens zu tun. Der erste sei der Sprung vom gläubigen Kommunisten zum kritischen Anti-Stalinisten gewesen. Nun sei es an der Zeit, das Anti loszuwerden, das für so lange Zeit sein Hauptmotiv gewesen ist;

"ganz mit dem herz, mit halbem wissen

hab’ ich paar Wahrheiten ausgeplappert

drum stopften sie mir in Berlin das maul

zwölf jahre: ne kleine ewigkeit