Von Joachim Riedl

Wien, im November

Armes Österreich: verschuldet und verspottet, Skandalrepublik und Operettenstaat. Dem Stahlkonzern „Voest“ drohen riesige Verluste (Prognose 1986: eine Milliarde Mark), auf die Arbeiter der verstaatlichten Schwerindustrie warten Massenentlassungen und Kurzarbeit, das Budgetdefizit wird knapp 20 Milliarden Mark betragen. Trübe Resignation macht sich breit in der Alpenrepublik.

In zwei Wochen wird gewählt. Doch die Österreicher haben längst jedes Interesse an dem schleppenden und trägen Wahlkampf verloren; das Ergebnis gilt längst als ausgemacht. Ministerlisten für die Regierung der Großen, die nach dem 23. November gebildet werden soll, kursieren in den Zeitungsredaktionen; in den Parteisekretariaten haben die Politiker bereits mit der Vorbereitung der Verhandlungen begonnen.

Die sozialistische Regierungspartei und die oppositionelle Volkspartei meiden jegliche Konfrontation. Die Fernsendebatte der beiden Kanzlerkandidaten, gemeinhin als Höhepunkt des Wahlkampfs angesehen, geriet zu einer langatmigen Beschwichtigungsoper, in derem Finale Bundeskanzler Franz Vranitzki und Oppositionsführer Alois Mock einander versicherten, daß sie problemlos miteinander regieren könnten.

Beide Parteien werben mit der flatternden rotweiß-roten Staatsfahne anstelle von Parteisymbolen (das sozialistische Emblem hat einen stärkeren Knick). Die Opposition verspricht eine „Wende zum Besseren“; die sozialistische Regierungspartei hat sich dem „neuen Österreich“ verschrieben. Beiden gemeinsam ist eine pragmatische Hilflosigkeit, mit der sie die Krise in den Griff kriegen wollen. Wer von den beiden Spitzenkandidaten Regierungschef werden wird – die Meinungsforscher sprechen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen –, ist dabei nebensächlich. Wahlkampf in Österreich: ein Schattenboxen vor spärlichem, gleichgültigem Publikum.

„Ja, wer da nicht endlich sagt: Jetzt ist Schluß! – dem ist nicht zu helfen. Da sage ich nur: Werd’s glücklich mit der Partie. Wenn ihr diese Brüder wieder wählt, dann habt ihr nichts Besseres verdient.“ Am Hauptplatz der Industriestadt Wiener Neustadt im südlichen Niederösterreich macht sich der Volkszorn Luft. Ein junger, braungebrannter Politiker schürt mit wohldosierten Schmähreden den Unmut. Er ist der Publikumsmagnet des österreichischen Wahlkampfes. Werbeaufkleber zeigen ihn wechselweise als Hecht im Karpfenteich, als Supermann oder als muskelbepackten Matrosen Popeye – kampflustig, frech und mit fürwitzig vorgereckter Pfeife im Mund.