Traurig blickt Fischereimeister Willi Jansen aus Bad Honnef auf den sagenumwobenen Strom: „Das Thema Rhein ist nun für mich erledigt. In dieser Giftbrühe wird lange kein Aal mehr leben.“ Die Giftwelle der Schweizer Firma Sandoz hat Deutschlands meistbesungenem Fluß ökologisch fast den Garaus gemacht. Wie schon sein Vater und sein Großvater war Willi Jansen einst Nacht für Nacht mit seinem eigens für den Aalfang ausgerüsteten Kutter auf den Rhein gefahren. Das ist jetzt vorbei. „Dabei war das Rheinwasser in den letzten Jahren so viel besser geworden, die Kunden verlangten wieder den schmackhaften Rheinaal“, sagt der 63jährige. Nun will er nur noch importieren: Fische aus Dänemark, aus Irland, aus Kanada. Der Rheinaal ist tot.

Tot waren auch die Wasserleitungen der Gemeinde Unkel, wo über 11 500 Bürger vier Tage lang von der Feuerwehr mit Notrationen versorgt werden mußten. Die Feuerwehrsirene, sonst Unheil ankündend, wurde zum hoffnungsvollen Signal: Mit Eimern und Schüsseln auf die Straße laufen, um kostbar gewordenes Naß zu ergattern. Notstandssituation auch in der Gemeinde Bad Hönningen mit 13 000 Bürgern, wo die Hochbehälter mühsam über Notleitungen der Feuerwehr mit Wasser aus den Nachbarorten aufgefüllt werden mußten.

„So stelle ich mir das in manchen Ländern der Dritten Welt vor, wenn die Menschen um jeden Tropfen Wasser feilschen“, sagte eine Frau, die drei kleine Windelkinder zu versorgen hat. Vier Tage lang Notrationierung – und kein Tropfen Wasser aus dem Wasserhahn, das warf die Organisation ganzer Familien durcheinander. Bei aller Anerkennung für die Wehrmänner, die Tag und Nacht das Wasser aus den Nachbargemeinden mit ihren Löschfahrzeugen herankarrten, wurde Unmut laut und Ärger. „Warum gerade wir, die Nachbargemeinden haben doch Wasser?“

Der rheinland-pfälzische Umweltminister Klaus Töpfer hatte in allen Tiefbrunnen in Rheinnähe die Pumpen abstellen lassen, denn die Giftwelle kam viel früher als erwartet. Binnen fünfzehn Stunden war das Giftwasser von Basel bis zum Siebengebirge geflossen, so schnell, daß die Hochbehälter nicht mehr aufgefüllt werden konnten. Ein Verbundsystem für Notfälle gibt es in Unkel und Bad Hönningen nicht. Stehen die Pumpen in den Tiefbrunnen still, fließt auch kein Wasser mehr aus dem Wasserhahn.

Schlagartig leerten sich die Hotels des Weinortes Unkel: Frühes Ende der gut angelaufenen touristischen Herbstsaison. In Deutschlands größtem „Saftladen“ in Unkel, einer Firma für Gesundheitssäfte, herrschte panischer Hochbetrieb; das Wasser für die Saftproduktion wurde mit Tankwagen angefahren. Eine Großwäscherei bangte um achtzig Arbeitsplätze – ohne Wasser keine saubere Wäsche.

Ungeahnte Alltagsprobleme bescherte der Wassernotstand den Müttern mit kleinen Kindern. Karin G.: „Baden Sie die Kleinen täglich einmal mit Wasser, das sie mühsam über viele Stufen hinauf ins Haus tragen müssen!“ Babyfläschchen können nicht ausgekocht werden, die Kinderwäsche häuft sich im Badezimmer.

„Plötzlich wird etwas ganz Normales zu einer köstlichen Sache“, fand eine Mutter mit drei heranwachsenden Kindern, die zum Waschen in ein Schwimmbad der Nachbarstadt Bonn gefahren war. Im Bad herrschte Hochbetrieb: auf dem Weg ins Ministerium erfrischte sich hier so mancher Ministeriale mit Wohnsitz Notstandsgebiet.