Von Lutz Tantow

Über den kulturellen Hintergrund der bei uns lebenden Ausländer aus der arabischen Welt ist wenig bekannt. Der Deutsch schreibende syrische Schriftsteller Rafik Schami, der im Oktober dieses Jahres den Thaddäus-Troll-Preis des Landes Baden-Württemberg erhielt, entführt seine Leser in die Stadt seiner Kindheit in die ärmste Gegend von Damaskus; dort lebt eine halbe Million Menschen, die unterschiedlichster Herkunft sind und doch eine Gemeinschaft bilden: die der unterdrückten Minderheit, die sich täglich im Kampf ums Überleben behaupten müssen. Hier leben viele arbeitslos gewordene Bauern, die nach der Erntezeit in der Stadt Arbeit suchen. Viele Erwachsene „hauen in die Golfstaaten ab, um wie die Sklaven zu arbeiten, damit ihre Familien in Syrien überleben“.

Satirisch werden die politischen Gegebenheiten der syrischen Hauptstadt am Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre dargestellt: „Der Rundfunk plärrt Tag und Nacht vom Sozialismus, und kein Kind meiner Straße glaubt die Sprüche von der Gerechtigkeit.“ – „In Damaskus wechselten die Machthaber manchmal schneller als die Filme im Kino... Ein Putsch bedeutet für uns Schüler drei bis fünf Tage schulfrei.“ Geschickt hat Schami zur Entlarvung solcher Zustände die Perspektive eines Jugendlichen gewählt. Nur scheinbar handeln diese Erzählungen von den kleinen Problemen der Nachbarn, von den banalen Alltäglichkeiten, wie auch wir sie kennen.

Die List, mit der die Bewohner dieses alten Stadtviertels überleben, hat sich auch der Autor zunutze gemacht. So kann die Leichtigkeit seines Erzählens den wahren Gehalt, den moralischen Kern, das Engagement für Minderheiten und verbindliche Sozialkritik nur kurze Zeit vergessen machen: In Wahrheit ist dieser Sammelband ein Aufklärungsbuch, Sympathie weckend und literarisch unterhaltsam.

Mit der List, sich verrückt zu stellen, den Beruf eines „Fliegenmelkers“ anzugeben, um so dem Militärdienst zu entgehen, endet das Damaskus-Buch. Mit der List der Homsianer, durch vorgespielte Verrücktheit Kriegen und Eroberungen zu entgehen, beginnt das Buch „Der erste Ritt durchs Nadelöhr“. Es schließt an den 1984 herausgekommenen Märchenband „Das letzte Wort der Wanderratte“ an.

Auch der schriftlichen Fixierung und Veröffentlichung dieses neuen Bandes ging die Erprobung der Märchen auf ihre Publikumswirksamkeit voraus. Denn Rafik Schamis literarische Vorträge sind keine Lesungen im gewöhnlichen Sinn. Vielmehr handelt es sich dabei um Erzählzeiten – wie er selbst es nennt. Gemäß seiner orientalischen Tradition und Herkunft erzählt er seine Märchen frei, liest sie nicht ab, wie wir es von Schriftstellern gewohnt sind. So entsteht ein engerer Kontakt zwischen Erzähler und Zuhörer, der durch auflockernde literarische Rätsel noch vergrößert wird.

„Der erste Ritt durchs Nadelöhr“ ist die zur Zeit zweifellos poetischste Art, „Gastarbeiter“-, Migrations- oder, noch allgemeiner, Minderheiten-Probleme zu literarisieren. Rafik Schaml, der auch als Wortführer der Ausländerschriftsteller in der Bundesrepublik hervorgetreten ist, lehrt uns anhand seiner Phantasiegeschichten, das Leben zu genießen und gegen alle Einengungen aufzubegehren; er führt uns die friedliche Koexistenz des Einandervertrautmachens vor, zeigt, wie wir uns mit viel Einfallsreichtum Feinde vom Leib halten können und – in einer Fabel um Eifersucht und Anpassung, daß man in die Falle geraten kann, wenn man eine einmal gewonnene Freundschaft zugunsten einer nur scheinbaren aufgibt. Seine Lektionen werden nie mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen, sie kommen vielmehr in märchenhafter Verkleidung daher.