Fliegenfänger, das waren einmal kleine, runde Papprollen; mit einer Reißzwecke drückte man sie an die Stubendecke, dann entfernte man den unteren Deckel und zog ein mit Leim beschmiertes, süßlich duftendes, gelbes Band heraus. Fliegen, die auf den Leim krochen oder das Band im Fluge berührten, blieben daran kleben und starben. Mitsamt den Tante-Emma-Läden ist auch diese Art des Fliegenfängers zur Rarität geworden.

So selten wie der Fliegenfänger, der von der Stubendecke baumelt, ist auch der Fliegenfänger draußen im Garten, in Obstplantagen und an den Waldrändern geworden. Sein richtiger Name ist Fliegenschnäpper. Es ist ein kleiner, unscheinbarer Vogel, den es weltweit in mehr als zweitausend Arten geben soll. In Deutschland sind drei davon zu Hause, vorwiegend der graue Fliegenschnäpper. Daneben gibt es noch den Trauerfliegenschnäpper und den Zwergfliegenschnäpper.

Den grauen Fliegenschnäpper beschreibt der Ornithologe Naumann so: „Dieser Vogel, dessen unansehnlich gefärbtes Gefieder nichts hat, wodurch es einen angenehmen Eindruck auf den Beschauer machen könnte, hat unter den einheimischen Arten dieser Gattung den längsten und breitesten Schnabel und die kleinsten Füße ...“

Na und? – ist man da versucht zu sagen. In einer Schönheitskonkurrenz hätte der Fliegenschnäpper sicherlich wenig Chancen, und seine kleinen Füße braucht er nicht, um zu wandern; er hält sich damit sehr sicher auf Zweigen, Mauervorsprüngen und Zäunen. Und so sitzend, ständig mit den Flügeln ruckend, schießt er blitzschnell davon, schlägt Haken wie ein Raubvogel und fängt eben Fliegen und was sonst an Insekten herumfliegt. Es ist ein behendes Vögelchen, ständig auf der Jagd.

Drei Meter von einem Fenster meines Hauses entfernt ist etwa zweieinhalb Meter über dem Erdboden in einer Blautanne ein schlampiges Nest. Darauf sitzt ein graubraunes Vögelchen. Zunächst hielt ich es für eine Dorngrasmücke, doch dazu paßte der Nistplatz nicht, wenngleich auch Grasmücken gelegentlich in Fichtenhecken nisten. Ich wollte den Brutvorgang nicht stören und beobachtete nur ganz gelegentlich. Nach drei Tagen wußte ich: Der graue Fliegenschnäpper hatte dort sein Nest gebaut – und gut zwei Wochen später, als die Jungen fast flügge waren, konnte es keinen Zweifel mehr geben. Wegen meiner anfänglichen Unsicherheit zitiere ich noch einmal Brehm: „... bei den Fliegenfängern zeigt sich die ganze, fast hoffnungslose Schwierigkeit der Singvogelsystematik, ... man meinte, Merkmale gefunden zu haben, die diese Familie von den sonst sehr ähnlichen Grasmücken scheiden sollten. Aber mehr und mehr hat sich herausgestellt, daß beide Familien allzu viele und allzu innige Übergänge verknüpfen.“

Noch bis zur Mitte dieses Jahrhunderts war der graue Fliegenschnäpper weit verbreitet; nicht nur in Dörfern, in Gärten und Parkanlagen war er zu beobachten, sondern auch in den Städten. So wurden 1966 im Hamburger Stadtgebiet noch 300 Paare gezählt. Er scheut die Nähe des Menschen nicht, obwohl er eher furchtsam und schreckhaft ist. Aber weil es heute schon Kuhställe ohne Fliegen gibt, ist auch für ihn das Nahrungsangebot knapper geworden.

Alle Fliegenschnäpper sind Singvögel, doch, so meint Kleinschmidt, es sei wohl so, daß dem grauen Fliegenschnäpper, weil er ständig auf vorbeifliegende Insekten achten müsse, nicht die Zeit bliebe, ein Sänger zu werden. Dagegen ist das Lied des Trauerfliegenschnäppers, der sein Nest bevorzugt in lichten Wäldern baut, melodisch. Es ist ein braunschwarz, auf der Unterseite weiß gefiederter Vogel, kleiner als der „Grauschnäpper“, den zu entdecken und zu beobachten einer gewisse Kenntnis und Erfahrung bedarf.

Der Zwergfliegenschnäpper, einem kleinen Rotkehlchen vergleichbar, ist nur in Süddeutschland und in den früheren Ostprovinzen gesehen worden. Doch niemals war er häufig. Alle Fliegenschnäpper sind Zugvögel. Ende April, Anfang Mai treffen sie ein, und im September beginnt der Flug nach Süden, der viele von ihnen bis in die Kapprovinz führt. Ein Vogel, der 17 bis 19 Gramm wiegt, wie der graue Fliegenschnäpper, macht sich auf eine 12 000 Kilometer lange Reise. Da auch Fliegenschnäpper, wie Schwalben, stets an ihren Nistort zurückkehren, bin ich gespannt, welche Botschaft sie mir im nächsten April mitbringen.