Von Hinrich Lührssen

Wenn in Hannover Stapel mit alten Zeitungen an den Straßen stehen, muß die Stadtverwaltung zahlen. Neun Mark pro Tonne erhalten die Altpapierhändler als Zuschuß, damit sie die Bündel überhaupt noch abholen. Kommunale Subventionen für Altpapier – das ist auch in anderen Städten nichts Besonderes mehr. Denn der Altpapierberg wird immer höher, der Absatz hingegen immer schwieriger, die Preise fallen. „Subventionen sind unausweichlich, wenn das Zeug nicht wieder in der normalen Mülltonne landen soll“, sagt Jörg Sudan, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes für Papierrohstoffe.

Die Preise für Altpapier hätten ihren historischen Tiefstand erreicht, klagt er. Bei einem Gesamtaufkommen von 4,8 Millionen Tonnen könnte die Halde schon in diesem Jahr auf 800 000 Tonnen ansteigen, warnt der Bundesverband. Mitte 1984 noch seien für die unteren Papiersorten, die fast ausschließlich aus den Haushalten kommen, pro Tonne zwischen 160 und 200 Mark gezahlt worden. Jetzt gebe es dafür zwischen „null und vierzig Mark“. Die 170 Mitgliedsfirmen des Verbandes mit ihren rund fünftausend Arbeitsplätzen würden oft schon beim Transport draufzahlen.

Schon 1985 war das bundesdeutsche Altpapieraufkommen um sechs Prozent angestiegen, auf 4,4 Millionen Tonnen. So viel wie noch nie kam dabei aus den Haushalten: fast 1,25 Millionen Tonnen, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Doch anders als Papier aus Kaufhäusern und Druckereien ist die Verwertung dieses Mülls begrenzt. Neben der Produktion von Kanon und Pappe konnte der Einsatz noch bei der Papierherstellung für Zeitungen gesteigert werden. Bei einer Jahresproduktion von 9,15 Millionen Tonnen Papier, Pappe und Karton liegt die Verwendung von Altpapier jetzt bei 43,5 Prozent. „Mehr als 50 Prozent werden wohl auch in Zukunft nicht drin sein“, meint Bernd Böcking, stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbandes der Papierfabriken. Die Klagen der Lieferanten sind für ihn allerdings „Schauermärchen“. Denn die gingen noch immer vom Preishöchststand im Oktober 1984 aus. Nach „guten Zeiten mit guten Preisen“ sei die Krise zwar nicht zu leugnen. Aber die Lage werde sich auch wieder stabilisieren, „von Subventionen halten wir deshalb gar nichts“.

Ein Weg zum Abbau des Altpapierberges war bisher noch der Export. 1985 war in dieser Hinsicht sogar ein Rekordjahr: Die Ausfuhr stieg um 21 Prozent auf 0,9 Millionen Tonnen. Viel mehr werde es aber nicht mehr werden, meint der Bundesverband, für Papierrohstoffe. „In Italien liegt schon ein Gesetzentwurf vor, der Importzölle für Altpapier, auch aus EG-Staaten, fordert“, sorgt sich Jörg Sudan.

Alles zusammen ist für den Bundesverband Anlaß genug, düstere Visionen zu entwerfen. Über kurz oder lang sieht er einen Müll-Notstand, wenn die ausgelesenen Zeitungen wieder in der Mülltonne landen. Das neue Abfallgesetz, am 1. November in Kraft getreten, schreibt den Kommunen indes deutlich vor, daß die Abfallverwertung Vorrang hat.

Das Berliner Umweltbundesamt rechnet derweil damit, daß der Altpapierberg noch zunehmen wird. Das Potential liege allein bei den Haushalten bei weiteren zwei Millionen Tonnen. Und „es wird immer mehr gesammelt, ohne daß der Absatz geregelt ist“, schimpft Jörg Sudan. Er weiß aber auch: Subventionen an die Altpapierhändler seien den Kommunalpolitikern oft lieber, als sich mit der Ausweitung der Mülldeponien Klagen von Anwohnern und Umweltschützern einzuhandeln.