Von Harry Pross

Theodor Fontane hat bemerkt, es sei leicht, ins Konversationslexikon hineinzukommen, aber schwer, darin zu. bleiben. Das Gezappel und die professionellen Deformationen, die sich hieraus beim ambitionierten Personal ergeben, bestimmen nicht nur politische und wissenschaftliche Aktivitäten, sondern auch literarische Selbstdarstellungen weithin. Die Korruption des Jahrhunderts mache sich in jedem von uns bemerkbar, fand Montaigne in seinem autobiographischen Essay „Über die Eitelkeit“ vor vierhundert Jahren.

Zum Jahreswechsel 1985/1986 druckte der Merlin-Verlag eine „Festrede des geschäftsführenden Vorstandes der Kritiker-Berufsgenossenschaft anläßlich der Gründung der Frankfurter Hochschule für Entmythologisierung und des Erscheinens der Denkschrift über die ästhetischen Belange und deren Programmierung im Blickwinkel aufklärerischer Nachdenklichkeit zur Ehre des Vorsitzenden der fast allgemein-nützlichen Genossenschaft.“ Auf 23 Seiten resümiert der Autor, Heinz Risse, seine Kritik an der Literaturkritik nach Lessing in einem Erguß von „Jubelsprache“.

Das muß man gelesen haben, um zu ergründen, wieviel Spiel und wieviel Anspielung ist. „Jubelsprache“ hat Risse schon 1959 als Phänomen der „Leistungsgesellschaft“ beschrieben, als er sie nach der „bucina“, der Halljahrestrompete definierte, „unter deren Klang vor Zeiten die Mauern Jerichos zerbrachen, nun aber die Reste unserer geistigen Schutzwehren in Staub sinken. Jubelsprache, so begriffen, ist nicht auf Stolz und Freude am angeblich Errungenen, nicht auf das Thema herrlich weit gebracht beschränkt, sondern allenthalben verwendbar, wo die Anzüge schwarz sind und die Mienen feierlich: Jeder ist ihrer mächtigwill sagen: er versteht sie; das Recht, sich ihrer zu bedienen, setzt Anerkanntsein und die sella curulis im Leben voraus...“

Die „sella curulis“ war bei den alten Römern der mit Elfenbein ausgeschlagene Amtssessel der Konsuln und sonstiger Würdenträger, hier ein Hinweis, daß Macht etwas mit breiten Hintern und elefantösem Sitzvermögen zu tun hat. „Woher denn stammt das Recht der Inhaber curulischer Throne, sich einer Sprache zu bedienen, in der jeder Satz weites und nebliges Feld ist, einer Sprache, in der sich zu äußern dem Mittelbürger versagt ist? Man hört, muß erwidert werden, nur sie, die Jubelsprachredner, nicht ihre Worte; so sehr ist dies der Fall, daß schon als belanglos gilt, was sie sagen; auch wissen von den Zuhörern die meisten ohnehin vor Beginn ihrer Reden, was kommen wird. Denn die Jubelsprache besteht vorzüglich aus idiomatischen Redensarten, die schwarzen Anzügen und feierlichen Mienen angepaßt sind. Sie wendet sich an das Gefühl, an die Urtiefe des Gemüts; Worte, mit denen sich etwas sachlich und genau ausdrücken ließe, kennt die Jubelsprache nicht...“

Für Freunde deutscher Zeitgeschichte ist zu wiederholen, daß Heinz Risse über „Das Zeitalter der Jubelsprache“ schon 1959 geschrieben hat. Der Essay steht mit elf anderen im Band „Feiner Unfug auf Staatskosten“, der keineswegs nur politische Themen enthält, sondern kunst- und literaturkritische, wie dieser Autor, 1898 in Düsseldorf geboren, renommierter Wirtschaftsprüfer und literarisch durch den Immermann-Preis geehrt, sich durch die rare Qualität der Unbefangenheit auszeichnet. 1957 plädierte er für mehr Gegenverkehr in der Literaturkritik und brachte damit die Zunft gegen sich auf. Inzwischen haben sich deren Kritiken durch wissenschaftliche Kategorien verändert; aber es wäre wohl nicht falsch, Risses Vorstoß neu zu überdenken, wenn es denn die Zeitnot, will sagen der Terminzwang der Branche erlaubt.

Risse ist der Meinung, daß es „ein Zeitgefühl als sozusagen Einheitsgefühl“ nicht gibt, wie er in seinem Buch „Skepsis ohne Trauerflor“ (1980) überzeugend ausführt. Bei den aus kalendarischen Anlässen (Börne, Benn) wieder belebten Widersprüchen zwischen engagierter und purer Literatur steht Risse auf Seiten der Zeitlosigkeit und nicht der Zeitdeutung.