Von Hans Otto Eglau

Wie hatten es die amerikanischen Chemiekonzerne einst schön, als sie es nur mit einem einzigen deutschen Konkurrenten zu tun hatten: dem mächtigen IG-Farben-Trust. Doch die Kriegssieger zerschlugen den Riesen und von da an existierten, wie das US-Wirtschaftsmagazin Forbes lakonisch feststellte, „drei mächtige deutsche Komplexe der Chemie, wo zuvor nur einer war“. Und diese großen Drei – BASF, Bayer und Hoechst – machen regelmäßig durch spektakuläre Firmenkäufe auf sich aufmerksam.

Vergangene Woche war es wieder soweit: Hoechst-Chef Wolfgang Hilger verkündete die geplante Übernahme des achtgrößten amerikanischen Chemieanbieters, der Celanese Corporation in New York. 5,9 Milliarden Mark muß Deutschlands drittgrößter Chemiekonzern (Umsatz 1985: rund 42 Milliarden Mark) für das mit 18 500 Mitarbeitern an sechszehn US-Standorten und fast dreißig ausländischen Werken produzierende Unternehmen (Umsatz: 3,05 Milliarden Dollar) auf den Tisch legen – die höchste Summe, die je ein deutscher Aufkäufer für eine amerikanische Gesellschaft bezahlte.

Feierte Konzernchef Hilger die Akquisition überschwenglich als „großen Schritt in die Zukunft“, vermuten Konkurrenten hinter dem Milliardendeal vor allem die Absicht der Hoechster, auf dem größten Chemiemarkt der Welt (Anteil: rund dreißig Prozent) den Rückstand zu den davongeeilten Rivalen Bayer und BASF aufzuholen. Denn während Hoechst im vergangenen Jahr in den USA erst 1,6 Milliarden Dollar Umsatz erzielte, kam die BASF bereits auf 2,6, Bayer sogar auf rund vier Milliarden. Nach dem Celanese-Coup führt nun plötzlich das bisherige Schlußlicht das Trio an. Wie lange, bleibt abzuwarten. Denn kaum war die Hoechster Übernahmeofferte über die Presseticker verbreitet worden, richteten sich die erwartungsvollen Blicke der Branchenbeobachter bereits auf die beiden anderen. Bayer-Chef Hermann Josef Strenger, bei einer Veranstaltung des Chemieverbandes auf seinen nächsten Zug angesprochen, wiegelte diplomatisch ab. Kein großer Brocken, eher kleinere Ergänzungen, so sein Kommentar, kämen in nächster Zeit in Frage.

Sicherlich ist solche Selbstbeschränkung nicht von langer Dauer. Dazu haben die Chemiekonzerne in vier aufeinanderfolgenden Aufschwungjahren zu gut verdient. So steigerte die BASF-Gruppe ihren Gewinn nach Steuern von 1982 bis 1985 von 275 auf 998 Millionen Mark, Bayer von 64 Millionen auf 1,43 Milliarden und Hoechst von 317 Millionen auf fast 1,47 Milliarden Mark. Sich auf dem deutschen Markt weiter auszudehnen ist nahezu unmöglich geworden: Neue Werke, sofern sie überhaupt wirtschaftlich sinnvoll sind, lassen sich schon aus ökologischen Gründen kaum noch errichten; bei Firmenübernahmen können die Riesen nur auf begrenztes Wohlwollen der Kartellbeamten rechnen.

Auf dem US-Markt dagegen haben die drei nahezu noch unbegrenzte Wachstumsmöglichkeiten. Zum einen liegt der Anteil ihres Weltumsatzes, den sie jenseits des Atlantik erzielen, mit zwanzig bis 25 Prozent immer noch unter den dreißig Prozent, die die USA vom weltweiten Chemiegeschäft auf sich vereinigen. Zum anderen ist das Gewicht der Branchenführer in Amerika weitaus geringer als hierzulande. So kommen die drei größten amerikanischen Chemiekonzerne – Du Pont, Dow Chemical und Monsanto – in den USA gemeinsam nur auf einen Anteil von vierzehn Prozent an ihrem rund 200 Milliarden Dollar großen Markt. Dagegen bringt es das deutsche Führungstrio in der Bundesrepublik zusammen auf respektable 34 Prozent. In Amerika hat selbst Hoechst nach der Übernahme von Celanese dagegen kaum mehr als zwei Prozent vom Geschäft mit Farben und Fasern, Kunststoffen und Pflanzenschutzmitteln.

Bei ihren US-Operationen können die Deutschen inzwischen auf über zwei Jahrzehnte Erfahrungen zurückgreifen. Früher und beherzter als etwa die Automobil- oder Elektromanager setzen die Chemiebosse bei ihren Investitionsplanungen auf die USA. Gestützt auf seine starke Forschung, gründete Bayer bereits 1954 gemeinsam mit Monsanto die Mobay Chemical Corporation in Pittsburgh, um mit ihren Polyurethan-Aktivitäten am Kunststoffboom zu partizipieren. Vier Jahre später ging die BASF mit Dow Chemical ein ähnliches joint venture ein. 1968 nahm der damalige Hoechst-Chef Karl Winnacker in Spartanburg in South Carolina, dem Zentrum der amerikanischen Textilindustrie, ein großes Trevirawerk in Betrieb. 1969 landete BASF mit dem Erwerb der Wyandotte Corporation seinen bis dahin größten Coup in den USA. 1974 schluckte Bayer die auf Blutplasma, Infusionslösungen und medizinische Instrumente spezialisierte Familienfirma Cutter in Berkeley/Kalifornien, ein Jahr später zog Hoechst mit dem Kauf von Foster-Grant (Kunststoffe, Folien, Sonnenbrillen) nach. 1978 angelte sich Bayer mit der durch ihren Marken-Bestseller Alka Selzer bekanntgewordenen Miles-Gruppe in Elkhart/Indiana (Vitaminpräparate, Diagnostika, Enzyme) seinen bislang größten Fisch.