Von Rolf Zundel

Hans-Jochen Vogel hat allen Grund für seine Warnung an die Genossen, jetzt nicht in Panik zu verfallen. Das Wahldebakel in Hamburg stürzte sie in tiefe Ratlosigkeit – nicht zuletzt den Kanzlerkandidaten Johannes Rau und dessen Berater. Deren Ankündigung, in Nordrhein-Westfalen eine Art Sonderwahlkampf zu dessen. klang plötzlich verdächtig nach dem Motto: Rette sich, wer kann! Und noch schlimmer: Den Schritt, den der SPD-Vorstandssprecher Wolfgang Clement vollzog, den Rücktritt von seinem Amt, hatte auch der Kandidat erwogen – und das zweieinhalb Monate vor der Bundestagswahl! Deutlicher hatte eine Partei nicht zeigen, daß sie den Kampf verloren gegeben hat.

Inzwischen hat die SPD ihr schlingerndes Schiff wieder einigermaßen auf Kurs gebracht, und Johannes Rau, so scheint es, hat sich am Steuer festbinden lassen, vorläufig. Doch bestimmt er noch den Kurs? Seine Strategie, eine „eigene Mehrheit“ zu erobern, wurde von Willy Brandt kassiert, noch ehe die Stimmen in Hamburg ganz ausgezählt waren. Nicht mehr auf Sieg setzen die Sozialdemokraten, sie spekulieren à la baisse: Die Mehrheit der Union, ein Durchmarsch der Konservativen (wobei nicht ganz klar ist, wie weit die FDP dazuzählt) soll verhindert werden. Man kann’s auch einfacher sagen: Bitte, liebe Wähler, macht die SPD nicht zu schwach, ihr braucht sie noch!

Tatsächlich haben die Sozialdemokraten in Bayern wie in Hamburg, im Süden wie im Norden, ein Desaster erlebt – Negativrekorde ihrer Nachkriegsgeschichte. Nicht nur eine schmerzhafte Überprüfung der SPD-Strategie ist angebracht, notwendig ist auch ein grundsätzlicheres Nachdenken über die Zukunftschancen der Partei.

Heute haben’s natürlich alle immer schon gewußt: Die Mehrheit in Bonn alleine erobern zu wollen, das konnte nicht gutgehen. Es empfiehlt sich indes, jenen Daten nachzugehen, die früher eine solche Strategie attraktiv erscheinen ließen. Es waren die Landtagswahlen im Saarland und in Nordrhein-Westfalen vom letzten Jahr, die den Sozialdemokraten eine absolute Mehrheit bescherten und die Grünen vom Parlament fernhielten.

Das Ergebnis entstand aus einer Kombination verschiedener Umstände: eine SPD, die in den Augen der Wähler glaubhaft um die absolute Mehrheit kämpfte; populäre Spitzenkandidaten, die den CDU-Mitbewerbern deutlich überlegen waren, eine verunsicherte Union, in den Ländern und in Bonn; und eine erstaunliche Mobilität der Wähler schließlich, die CDU-Analytiker angstvoll von einer „Stimmungsdemokratie“ sprechen ließen. Jedenfalls waren damals die Kommentatoren, ähnlich wie jetzt, zu trübsinnigen historischen Vergleichen genötigt, nur in anderer Richtung: So schlecht war die Union seit Jahrzehnten nicht mehr. So ganz abwegig also war es doch nicht, das Konzept auf den Bund zu übertragen.

Dabei unterliefen den Sozialdemokraten Fehler. Weder ließ sich die Popularität des Nordrhein-Westfalen-Siegers in die Bundespolitik Nordrheinren, noch war die SPD auf ein programmatisch anspruchsloses Personalplebiszit zu trimmen; außerdem unterschätzten die Sozialdemokraten die Dauer der Wirtschaftsentwicklung, man kann auch sagen: Glück und Erfolg der Koalition. Nicht zuletzt aber verkannten sie, daß ihre Etappensiege unter höchst ungewöhnlichen Bedingungen zustande gekommen waren.