Von Eckhard Roelcke

Viele Musiker spielen im Konzert perfekt, gehen dabei aber kein musikalisches Risiko ein. Das liegt uns nicht, denn auch im Leben gibt es Unvorhergesehenes, warum dann nicht auch in der Musik!“ Für die vier jungen Musiker, die das sagen, ist Streichquartettspielen eine Kunst des Lebens: Sie können und wollen keine klare Trennungslinie zwischen Kunst und Leben ziehen.

Risiko: nach hundert Takten Haydn-Streichquartett ein kurzer Blick des ersten Geigers in die Runde zu den Kollegen, und sie sind sich einig – die Exposition, der erste Abschnitt also des ersten Satzes, wird diesmal wiederholt. „Innerhalb eines bestimmten musikalischen Rahmens, den wir uns in den Proben festlegen, gibt es bewußt viele Freiräume, die wir im Konzert mit plötzlicher Inspiration ausfüllen müssen.“

Das Unvorhergesehene des Lebens: der Bratscher erzählt lächelnd und durchaus zufrieden, wie „unglaublich unkompliziert“ ein halbjähriges Studium beim Guarneri-Quartet in Washington zustandekam. „In Berlin spielten wir mal einem Mitglied des Guarneri-Quartet vor, nicht um uns um irgendeine offizielle Studienmöglichkeit zu bewerben, sondern einfach, um ein paar Tips zu bekommen. Einige Wochen später klingelt dann bei uns das Telephon, und eine Sekretärin der Maryland University fragt, wann wir denn nach Washington kämen.“ (Sie waren gerade dort und fahren im kommenden Frühjahr wieder hin.)

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Das Auryn Quartett: vier junge Musiker, Individualisten – ein Schwabe, ein Hamburger, ein Brite, ein Badener – im Alter von 26 bis 32 Jahren auf dem Weg zum Streichquartett-Olymp. Seit März 1981 spielen sie zusammen – das ist nicht viel für ein Nachwuchsensemble, das Ambitionen hat, ganz nach oben zu kommen. Wichtige Etappen haben sie schon erreicht: motivierende Preise beim 31. ARD-Musikwettbewerb in München, beim 2. Internationalen Streichquartett-Wettbewerb im britischen Portsmouth und beim Internationalen Forum Junger Interpreten in Bratislava; Rundfunk- und Fernsehaufnahmen und eine erste Schallplatteneinspielung mit den beiden Quartetten von Karl Amadeus Hartmann. An diesem Mittwoch schließlich wurde ihnen der Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Die ersten Sprünge in die etablierten Kammermusikreihen also haben sie geschafft.

Schloß Glücksburg, hoch oben im zweiten Stock, herzogliches Ambiente im „Weißen Saal“, herrschaftlicher Ausblick auf den Schloß-See, an den Wänden Gobelins aus Brüssel und Lille, gewirkt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Auryn Quartett spielt Ludwig van Beethovens „Harfenquartett“ op. 74, eines der sogenannten „mittleren“ Quartette Beethovens. Schon die ersten vier Akkorde sind bemerkenswert: Der erste Geiger Matthias Lingenfelder schärft sein dissonantes Des nicht durch einen kleinen Akzent, sondern durch ungewohnt wenig Vibrato. So wird diese Dissonanz, die nicht aufgelöst wird, im Ensembleklang versteckt und wirkt subversiv auf die lange Generalpause, die folgt. Im dritten Takt das gleiche Spiel, nur gedehnter. Wieder dieses dissonante Des in der ersten Geige, das jetzt aber „aufgebaut“ wird: fast zwei Takte lang intensiviert Matthias Lingenfelder diesen Ton, um ihn dann in den Zusammenhang einer chromatischen Aufwärtsbewegung zu stellen. Er deutet dieses Des um: Erst interpretiert er es harmonisch, im vertikalen Zusammenklang, dann führt er es in horizontaler Zielstrebigkeit fort.