Des einen Unglück ist noch nicht des anderen Glück. Oder: Wermutstropfen hat auch der größte Freudenbecher, selbst für die CDU und ein bißchen auch für die FDP. Daß der Hamburger Triumph, bei näherer Inspektion, weniger ein Unionssieg als vielmehr eine SPD-Niederlage ist: nun gut. Oder eine große Koalition der Christlichen Demokraten mit der SPD, die man doch sonst in der CDU als eigentlich nicht mehr satisfaktionsfähig hinstellt: Das ließe sich verkaufstechnisch wohl hinkriegen. Was zählt, ist ja der strahlende psychologische Effekt des Wahlsiegs. Aber der beschert jetzt doch ein Wohlstandsproblem namens absolute Mehrheit. Was die SPD nun als reale Gefahr für den 25. Januar 1987 beschwört, das geistert auch bei CDU und FDP umher.

Helmut Kohl wünscht sich natürlich „möglichst viele Stimmen“. Aber eine Diskussion über eine Unionsmajorität über 50 Prozent hinaus hält er für „ganz und gar nicht sinnvoll“. Er weiß warum. Eine solche Mehrheit würden die Wähler, selbst die wohlgesonnenen, wohl für zu happig halten. Außerdem könnte sie, als Wahrscheinlichkeit, das Engagement der eigenen Leute abschlaffen lassen. Und vor allem würde sie, als Wahlziel, das Verhältnis zu den Liberalen ernsthaft trüben.

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Kein Wunder also, wenn die CDU-Oberen das Thema von der absoluten Majorität wegen seiner kontraproduktiven Wirkung für geradezu gefährlich halten – nicht zu reden davon, daß sie sich bis auf die ganz Rechten in ihren Reihen auch nur ungern ausmalen, wie es wohl wäre, wenn sie fortan allein mit der CSU zu tun hätten.

Aus München freilich kommen bisher, nach Hamburg, eher Töne, die auf kein Verlangen nach einem absoluten Durchmarsch schließen lassen. Aber eben das weckt Mißtrauen im Bonner CDU-Hauptquartier. Handelt die kleinere Parteischwester, nachdem sich die Siegesallee immer breiter öffnet, nun nach dem Motto: weiter an die alleinige Mehrheit denken, aber nicht mehr davon sprechen, um sie desto sicherer zu gewinnen?

Immerhin hat die CSU bei den Verhandlungen über ein gemeinsames Wahlprogramm der Union auf klare Frontstellungen gegenüber den Liberalen gedrängt. Ihr Erfolg hält sich in Grenzen. Aber die Punkte, in denen sie in dem nun endlich zustande gekommenen Gesamtmanifest von der CDU abweicht, enthalten auch Spitzen gegenüber der FDP – abgesehen davon, daß sie die Freidemokraten unverdrossen für deren Anteil an der „Erblast“ der ehemals sozial-liberalen Politik haftbar macht. Die CSU, dabei bleibt es, hat mit der FDP nichts im Sinn.

Andererseits liegt es natürlich auch nicht im Interesse der CDU, die Liberalen sozusagen über Gebühr und den eigenen Nutzen hinaus groß werden zu lassen. Die Freidemokraten sollen schon sehen, wo sie ihre Stimmen hernehmen. Das weiß selbstverständlich auch die FDP. Also richtet sie sich um so mehr auf eine Art Binnenwahlkampf innerhalb des bürgerlichliberalen Lagers ein, zwecks Wahrung und möglichster Vermehrung des eigenen Anteils.