In der ausgebrannten Halle 956 des schweizeirischen Chemie-Konzerns Sandoz waren rund 30 verschiedene Produkte mit einem Gesamtgewicht von 1250 Tonnen gelagert. Das größte Gefährdungspotential bildeten 930 Tonnen zehn verschiedener Pestizide. Davon entfielen rund 90 Gewichtsprozent auf hochgiftige Phosphorsäureester.

Zu dieser Stoffklasse gehören die berüchtigten chemischen Kampfstoffe Tabun, Soman und Sarin sowie ein Sortiment von Insektiziden auf der Basis von Parathion, die unter der Sammelbezeichnung E 605 in der kriminalistischen Literatur eine ebenso erschreckende wie prominente Rolle spielen. So harrten im Sandoz-Lager unter anderem 25 Tonnen Ethyl-Parathion ihrer künftigen Verwendung – auf Äckern. Wegen der außerordentlichen Wirksamkeit trägt dieses Spritzmittel auch die Bezeichnung „605 forte“.

Römpps Chemie-Lexikon notiert unter dem Stichwort E 605: „Beim Menschen beträgt bei oraler Aufnahme die tödliche Dosis nur 0,1-0,2 Gramm!“ Rein theoretisch hätte das in Giftpotential ausgereicht, die gesamte Bevölkerung Europas auszurotten.

Glücklicherweise sorgte das enorm starke Feuer dafür, daß der weitaus überwiegende Teil der freigesetzten Gifte sofort wieder zerstört wurde. Die gewaltige Hitzeentwicklung bewirkte ferner, daß teil- und unverbrannte Reste in große Höhen geschleudert und somit sehr stark verdünnt wurden.

Als Treibsatz in dem spektakulären Feuerwerk wirkten unter anderem vier Tonnen leicht brennbarer Lösungsmittel namens Petrol und Isopar, letzteres ein Gemisch aus dem Hause Esso. Die größte Dynamik in das Inferno brachten vermutlich 50 Tonnen des Unkrautvernichtungsmittels Dinitrokresol. Diese Chemikalie steht im dringenden Verdacht, mutagen (erbgutverändernd) zu wirken.

Neben Phosphorsäureestern und relativ harmlosem Farbstoff gelangte mit dem Löschwasser auch eine organische Quecksilberverbindung (Ethoxyethyl-Quecksilberhydroxid) in den Rhein. Die Anwendung dieses pilztötenden Beizmittels für Saatgut ist in vielen Ländern verboten. Laut Sandoz sollte es nicht verkauft, sondern „aufgearbeitet“ werden.

Der Basler Brand wirft die Frage auf: Was geschieht, wenn sich eines der geheimen Kampfstoff-Lager der US-Armee in der Bundesrepublik entzündet? Die dort lagernden Stoffe sind noch hundert- bis tausendmal toxischer als E 605. Ein Schwelbrand – das wäre wohl der chemische Super-GAU.

Hans Schuh/Hiltrud Trottenberg