„Habt ihr Geduld, des Vortrags langgedehnten Zug / Still anzuhören? “ Phorkyas (Mephisto) in Goethes „Faust II“

Auf der Bühne des Theaters am Goetheplatz in Bremen nicht die Hundertschaft von Schauspielern, Soldaten, Geistern und himmlischen Heerscharen, die Goethe für den zweiten Teil seines Weltgedichtes schaute, sondern acht Darsteller und ein „Lemur“ – ein Doppelquartett von vier Damen, vier Herren, begleitet von einem Streichquartett.

Welttheater als Kammerspiel. Dieser Grundgedanke bestimmt auch die Textauswahl des viereinhalb Stunden dauernden Abends (mit zwei Pausen). Nichts da von Politik. Keine Kaiserpfalz, kein Krieg, kein Mummenschanz, keine klassische Walpurgisnacht. Gestrichen ist der ganze erste Akt (dessen erste Szene, „Anmutige Gegend“, läßt Günter Krämer jeweils am Ende seiner auf zwei Abende gestreckte Fassung von „Faust I“ spielen. Gestrichen ist der ganze zweite Akt, fast der ganze vierte (bis auf die erste Szene, „Hochgebirg“). Gespielt werden also „nur“ die beiden Akte drei und fünf, mit Kürzungen auch hier. Das sind schon arge Verluste. Faust taumelt gleichsam aus Gretchens Armen in die Helenas. Fausts Erkenntnisdrang reduziert sich auf das andere Geschlecht. Der am Wissen verzweifelnde Wissenschaftler verkleinert auf den Feldforscher des Liebeslagers.

Was wird aus Faust, wenn man ihm die Hälfte der im Teufelspakt versprochenen Erfahrung, „die große Welt“, vorenthält? Kein Weltmann, kein Politiker, kein Großkapitalist tritt uns entgegen; ein Pantoffelheld und Süßholzraspler schleicht durch die Welt.

Ein Theater, das sich für den (nicht ganz unbekannten) ersten Teil von Goethes Schauspiel zwei Abende Zeit nimmt, hätte auch für den als langweilig verrufenen zweiten Teil den Zuschauern/Zuhörern etwas zumuten dürfen. So bleibt die Aufführung, bei allen schönen Erfindungen, die es mehr zu sehen als zu hören gibt, halbherzig. Nichts da von der schockierenden Kraft, mit der Klaus Michael Grüber, zum 150. Todestag des Dichters, „Faust“ als Drei-Personen-Stück – nein: nicht verkleinert, sondern konzentriert hat, weil er die Kritik an der fatalen Wirkungsgeschichte dieses „deutschen“ Stücks mitspielte (Freie Volksbühne Berlin, 1982). Nichts aber auch von der Kinder-Lust, mit der Peymann dem Stück an zwei Abenden (Stuttgart, 1977) über üppige Bilder nahezukommen suchte.

Er muß nun gleich genannt sein, der Bilder-Mann der Bremer Aufführung, Andreas Reinhardt, der schon für den Bild-Zauber der berühmten, von der SED verfemten „Faust I“-Aufführung von Adolf Dresen und Wolfgang Heinz am Deutschen Theater in Ost-Berlin die Szene gebaut hat (1969). Wie schön, mal klein, mal groß, eine fast leere Bühne mit wenigen Möbeln und Requisiten allein durch die Materialien, durch delikate Farbmischung und raffiniertes Lichterspiel gemacht werden kann!

Nach kurzer Einstimmung (unter antikisch blauem Himmelszelt lagert Goethe in der Campagna, wie Freund Tischbein ihn gemalt hat) wird die Szene verdunkelt. Der schwarze Zwischenvorhang, der sich für die Helena-Handlung senkt, hat eine schmale, hohe und eine enge, schräge Öffnung, durch die Licht auf die Bühne fällt. Mit diesen Rechteckformen spielt Reinhardt auch in anderen Szenen so ästhetisch virtuos wie kritisches Mit-Denken fördernd: Den ganzen „Faust“ können wir so wenig haben wie der Titelheld selber den unbegrenzter. Blick auf die Wirklichkeit. Von den Spielern sehen wir oft nur die Köpfe, wenn sie vor oder hinter der Lichtluke stehen Zugleich wird Aufmerksamkeit gelenkt auf das, was die von oben, von unten oder von der Seite beleuchteten Schattenspieler sagen.