William A. Wiedersheim ist Amerikaner aus New Haven im Staate Connecticut. Seine Vorfahren sind 1835 aus Eßlingen ausgewandert. „Bill“ hat immer enge Kontakte zu Deutschland gehalten. 1935 besuchte er ein Jahr lang die Schule Schloß Neubeuern am Inn. Seitdem hat er mitgewirkt bei einem Schüleraustausch zwischen Neubeuern und Choate Rosemary Hall, einer Schule seiner amerikanischen Heimatstadt.

Eric M. Warburg, angesehener Hamburger Bankier und mein Freund aus dem Zweiten Weltkrieg, erzählte mir kürzlich die folgende Geschichte, die um der historischen Gerechtigkeit willen nicht vergessen werden sollte.

1938 waren Eric Warburg und seine Familie gezwungen, Deutschland zu verlassen und kamen nach Amerika. Eric wurde amerikanischer Staatsbürger und stieg erfolgreich ins New Yorker Bankgeschäft ein. Als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, meldete er sich sofort freiwillig und trat als Offizier in die US-Armee ein, zu der damals auch die Heeres-Luftstreitkräfte gehörten. 1955 kehrte er nach Hamburg zurück in seine eigene Bank, die vor damals 160 Jahren von seinem Ururgroßvater gegründet worden war. Noch im Alter von 86 Jahren geht er beinahe täglich in sein Kontor.

Nach Offiziersausbildung im Jahre 1942 und Dienst beim Stab in Washington erfüllten sich im November 1943 Erics Hoffnungen, nach England kommandiert zu werden. Er wurde Verbindungsoffizier zwischen den Generalstäben der US-Heeres-Luftstreitkräfte (U. S. Army Air Force) und der britischen Royal Air Force.

Schon im März 1942 war die alte Hansestadt Lübeck von der Royal Air Force heftig angegriffen worden. Drei ihrer prächtigen gotischen Kirchen waren schwer beschädigt, und viele ihrer alten Patrizierhäuser waren zerstört. Kurz nachdem er sich in Großbritannien zum Dienstantritt gemeldet hatte, erfuhr Eric, daß Luftmarschall Arthur Tedder die Planung eines zweiten Angriffs auf Lübeck so gut wie beendet hatte, bei dem die Stadt nun völlig verwüstet werden würde.

Eric Warburg war entsetzt. Lübeck war vom 12. bis 15. Jahrhundert die schönste unter den Hansestädten gewesen. Seine alten Bauwerke aus der Gotik und aus der Renaissance waren unersetzlich. Wichtige Industrien gab es dort kaum. Ihm war bewußt: Lübeck zerstören hieße Jahrhunderte kulturellen Erbes zerstören. Das war nicht zu verantworten.

Eric Warburg ließ sich beim Luftmarschall melden und plädierte für Lübeck, aber vergebens. Tedder sagte nur, nach den Angriffen der deutschen Luftwaffe auf die englischen Städte – er nannte Coventry namentlich – müßten die deutschen Städte dem Erdboden gleich gemacht werden, auch Lübeck.

Der Marschall hatte aber eine Freundin. Also ging Eric zu dieser Dame und setzte sich bei ihr für die Erhaltung Lübecks ein. Er bat sie, Tedder zu bedrängen, daß er den Luftangriff aufgäbe. Ein paar Tage später rief er sie an und fragte sie, was sie erreicht habe. Sie antwortete, Tedder sei nicht umzustimmen gewesen. In etwa zehn Tagen werde der Großangriff auf Lübeck gestartet.

Eric Warburg wußte, es wäre Wahnsinn, die Kunstschätze Lübecks zu zerstören und ohne jeden militärischen Vorteil für die Alliierten. Was tun? Auf einer für diplomatische Zwecke freigehaltenen Leitung in die Schweiz rief er den Vorsitzenden des Internationalen Roten Kreuzes in Genf an. Es traf sich glücklich, daß dieser Vorsitzende ein Cousin von ihm war. Innerhalb von 48 Stunden erhielt die britische Regierung eine Mitteilung des Internationalen Roten Kreuzes aus Genf, daß Päckchen und Pakete für britische Kriegsgefangene in Deutschland nach Lübeck geschafft würden, weil sie dort am sichersten seien.

Ein weiterer Bomben-Angriff auf Lübeck fand nicht statt.