Von Sigrid Löffler

Ganz klar: dynamisch sein ist fesch. Um im Wettbewerb der Städte auf sich aufmerksam zu machen, muß man sich als Stadt ins Gerede bringen – am besten mit Programmen, Plänen und Projekten. Eine Stadt, die ständig was ausheckt und ankündigt, wirkt urbanistisch unternehmungslustig. „Heutzutage“, sagt ein österreichischer Stadtplaner, „ist es wichtiger, Projekte zu proklamieren als sie durchzuführen. Das schaut sehr dynamisch aus.“

Was städtebauliche Visionen anlangt, hat sich Wien neuerdings selbst in einen Zukunftstaumel hineingeredet, vielmehr: hineinreden lassen. Ein wahrer Planungsrausch hat manche Rathauspolitiker erfaßt. Eine neue „Gründerzeit“ wird proklamiert, eine neue „Ringstraßenepoche“ ausgerufen, von Wiens „Jahrhundertchance“ wird geschwärmt.

Diese Dynamik um ihrer selbst willen hat mehrere Ursachen. Natürlich hat der Wien-Boom der letzten Jahre, besonders die Fin-de-Siecle-Ekstase, den Wien-Tourismus beflügelt. Das Geschäft mit Wiens vergangener Weltstadtgröße und seinem versunkenen Weltstadtglanz blüht. Der Besucheransturm hat nicht nur die Bauwirtschaft elektrisiert. Auch die österreichischen Bundesbahnen beginnen verwegenste Wien-Pläne zu wälzen. Die Hotelbranche schließt jede Baulücke in City-Nähe mit einem neuen Hotel-Koloß im beliebten Pseudo-Jugendstil. Die Energiewirtschaft, konkret: die Donaukraftwerke-AG, drängt auf ein neues Donaukraftwerk – die Staustufe Wien. Und die Baubranche verlangt nach Großprojekten, die in der Phantasie der Kommunalpolitiker denn auch prompt entstehen, eines pompöser als das andere. Hinter der Devise „Wien an die Donau“ verbergen sich etliche Mammutpläne: der Stausee Wien (inklusive Neugestaltung des ganzen Wiener Donauraums), Errichtung eines Wiener Zentralbahnhofs, Umgestaltung des Wiener Praters zum Freizeit- und Vergnügungspark nach internationalen Amüsier-Standards, Errichtung neuer Kulturpaläste (oder Revitalisierung alter) und Abhaltung einer Weltausstellung (samt Neubau eines Messegeländes).

Der eigentliche Ideen-Ausbrüter all dieser Monster-Projekte ist der Wiener Vizebürgermeister und Finanzstadtrat der sozialistischen Stadtregierung, Hans Mayr, ohne Zweifel der gefinkeltste, mächtigste und geistig wendigste Rathauspolitiker. Mayrs politisches Credo: „Wien hat auf Grund seiner Geschichte und seiner Lage eine mitteleuropäische Bedeutung, und die muß man mit Projekten aufrechterhalten, die den üblichen Rahmen sprengen. Wir müssen eine Reihe von großen Dingen machen, denn Wien darf sich nicht in seiner Bedeutung Österreich anpassen. König Ludwig II. hat mit seinen Schlössern zwar den bayrischen Etat ruiniert, aber er hat mehr für Bayern getan als BMW.“

Mit solchen Sprüchen nährt Mayr nicht nur den Spott seiner Kritiker, die seine Wien-Projekte ohnehin für schieren Größenwahn halten; er weckt auch ernste Zweifel an seinem städtebaulichen Geschmack, wenn er sich den Bayernkönig zum Vorbild und Exempel kürt. Hans Mayr – ein „Dr. Strangelove der Wiener Urbanistik“, wie einer seiner Kritiker ätzt?

Der Fremdenverkehr ist zwar das wichtigste, aber nicht das einzige Motiv für das gegenwärtige-Gründerzeit-Delirium. In den Köpfen der Rathauspolitiker verfestigen sich bereits mutmaßliche touristische Bedürfnisse zu kulturpolitischen Gradmessern. Eben hat die Stadt drei Musikbühnen zu einem Mammut-Theaterkonzern unter einem Generalintendanten Peter Weck zusammengefaßt – mit dem erklärten Ziel, Wien mit einem vergrößerten musikalischen Unterhaltungsangebot für ausländische Besucher attraktiver zu machen. Meint der Oppositionspolitiker Erhard Busek: „Es geht im Grunde um die vierte Nacht. Es geht darum, mit welchen Unterhaltungsangeboten man die Touristen länger als drei Nächte in Wien halten könnte. Sonst kriegt nämlich Budapest die vierte Nacht.“