Von Siegfried Gronert

Der kann kein Deutscher sein, der höchsten kritischen Ansprüchen gerecht wird, ohne zugleich jene zermalmende Attitüde einzunehmen, die der deutschen Kritik zu eigen ist. Die Rede ist von dem Schweizer Architektursoziologen Lucius Burckhardt, 1959 Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, später an der Technischen Hochschule in Zürich, von 1976 bis 1983 Vorsitzender des Deutschen Werkbundes und seit 1973 Professor für Stadtentwicklung und Landschaftsplanung an der Gesamthochschule Kassel.

Seit etwa dreißig Jahren schreibt Burckhardt über Architektur, Planung, Denkmalpflege und eigentlich alles, was noch dazugehört. Bazon Brock – Ästhetikprofessor in Wuppertal und ebenfalls jemand, der die Grenzen seines Faches gerne überschreitet – hat nun aus den verstreut publizierten Aufsätzen etwa die Hälfte ausgewählt und herausgegeben, gewissermaßen als Dankschrift an Burckhardt, der 1985 sechzig Jahre alt wurde. Damit ist eine vorzügliche Einführung in die heutigen Probleme der Architektur und des Designs entstanden, die zudem geeignet ist, sich auf Denkübungen zum Umgang mit Kultur einzulassen.

Die Fragen, mit denen sich Burckhardt auseinandersetzt, charakterisiert er mit einem Begriff aus der Mathematik als „bösartige Probleme“. Bösartig sind die Probleme dann, wenn sie nicht nur technische, sondern zugleich moralische Beurteilungen erfordern. Der technisch unproblematische Bau einer Umgehungsstraße etwa wird zum bösartigen Problem durch die anstehende Entscheidung, ob Wiesen, Teile eines Waldes oder Wohnungen der Verbesserung des Automobilverkehrs geopfert werden sollten. Diese Entscheidung, sagt der Planer, sei eine politische Entscheidung. Der Politiker wiederum verweist bei seiner Entscheidung auf die Kompetenz des Planers, der die Umgehungsstraße als Plan vorgelegt hat. Gegen solche schizophrenen Problemaufteilungen und wechselseitigen Abweisungen der Verantwortung – Brock würde sagen: „Entschuldigungsstrategien“ – besteht Burckhardt auf der Verantwortlichkeit des Planers, Architekten, Designers für das, was er geplant und gestaltet hat. Folglichumfaßt bei Burckhardt der Bereich der Gestaltung auch die „unsichtbaren“ Beziehungen, in denen das gestaltete Objekt seine Funktion erhält. Damit sind wir bei der ersten der vier Thesen, mit denen uns der Herausgeber durch die 86 Aufsätze führt: „Design ist unsichtbar.“ Burckhardt führt zur Erläuterung mehrfach das Beispiel „Straßenecke“ an. Die übliche Einteilung der Straßenecke in Häuser, Straßen und Kioske hebt einzelne Objekte als Gestaltungsaufgaben hervor, um bessere Häuser, Straßen und Kioske zu bauen.

Unberücksichtigt bleibt dabei jedoch der „integrierte Komplex Straßenecke; denn der Kiosk lebt davon, daß mein Bus noch nicht kommt und ich eine Zeitung kaufe, und der Bus hält hier, weil mehrere Wege zusammenlaufen und die Umsteiger gleich Anschluß haben. Straßenecke ist nur die sichtbare Umschreibung des Phänomens, darüber hinaus enthält es Teile organisatorischer Systeme: Buslinien, Fahrpläne, Zeitschriftenverkauf, Ampelphasen...Auch diese Einteilung der Umwelt gibt einen designerischen Impuls. Aber dieser bezieht die unsichtbaren Teile des Systems ein. Erforderlich wäre vielleicht ein vereinfachtes Zahlungssystem für Zeitschriften, damit ich den Bus nicht verfehle, während ich die Münzen hervorklaube. Manche werden nun wieder ein neues Gerät vor sich sehen, einen elektronisch summenden Zeitschriftenautomaten, wir aber einen Eingriff in das System: vereinheitlichte, runde Zeitschriftenpreise, oder Zeitungs-Abonnementkarten auf Sicht – jedenfalls eine Regelung, die sich mit der Institution der Zeitschriftenverteilung befaßt“. Weitere Institutionen sind für Burckhardt die „Nacht“, der „Haushalt“, das „Krankenhaus“; die „Produktionsstätte“.

Eingriffe in ein existierendes System können weitreichende Folgen haben, die unbeabsichtigt das System zerstören, das eigentlich erhalten oder aufgebaut werden sollte. Als Beispiel nennt Burckhardt die 1981 zur Bundesgartenschau vorgenommene „Zurückbarockisierung“ der Kasseler Karlsaue. Die ursprünglich barocke Gartenanlage war Ende des 18. Jahrhunderts in einen Landschaftsgarten umgewandelt worden und sollte nun durch Zerstörung der jüngeren Anlage wieder in den älteren Zustand gebracht werden. Zudem wurden die frei zu nutzenden, buschbestandenen Wiesen jenseits der Fulda durch die Verschiebung von einer Million Kubikmeter Erde in ein ordentliches Freizeitgelände umgemodelt, das jetzt aussieht „wie ein überdimensioniertes Minigolf“. Gegen Eingriffe dieser Art richtet sich Burckhardts zweite These: „Pflege zerstört“.

Daß derzeit die wahren Großtaten darin bestehen können, möglichst wenig zu tun, ist Inhalt der These vom „kleinstmöglichen Eingriff“. Der Illusion, daß Gesamtplanungen erfolgreich durchgeführt werden und einmalige planerische Eingriffe ideale Lösungen schaffen könnten, stellt Burckhardt dezentralistische Planungen gegenüber, die näher an den Ort und die Benutzer herangeführt werden, und den sorgfältigen Umgang mit den Lebensumständen der Betroffenen. Ein weiteres Argument für den kleinstmöglichen Eingriff ist die Beachtung der Zeit als Planungsfaktor. „Ich habe“, schreibt Burckhardt, „schon viele Leitbilder und Pläne für Städte und Regionen studiert; doch kaum jemals habe ich eine Anweisung gesehen, die lautet: Erst dann, wenn das Ereignis X eingetreten sein wird, soll entschieden werden, ob die Maßnahme Y oder eine andere oder gar keine Maßnahme eingeleitet werden muß.“