Von Gunter Hofmann

Bonn, im November

Was nun, Johannes Rau? Nach dem Schock der Wahlen von Hamburg und Bayern krempelt der Kandidat wieder die Ärmel hoch, zeigt sich der Öffentlichkeit und gewinnt seine Fassung wieder. Aber die SPD und er befinden sich in einer Krise.

Weil die Stimmung noch schlechter ist als die Lage, hat Johannes Rau sich ernsthaft selber gefragt, ob er noch Kandidat und Herausforderer Helmut Kohls bleiben soll. Auch in der SPD-Spitze, in den Hinterzimmern und Hinterköpfen, ist einen Moment lang darüber nachgedacht worden. Selbst wenn das alles nur eine Schrecksekunde lang dauerte: Rau und die SPD haben es schwer, den lähmenden Gedanken zu verdrängen, daß die Bundestagswahl schon heute entschieden ist.

Hätte denn Rau, der diese abenteuerlichen Kandidaten-Tage zählt, die Kandidatur besser aufgeben sollen? Man kann durchaus argumentieren, dramatische Zeiten erforderten dramatische Schritte. So schwebte es wohl Wolfgang Clement vor, dem SPD-Vorstandssprecher und Berater von Rau, als er (wie Bodo Hombach) dem Kandidaten nahelegte, den Rückzug anzutreten, bevor er sich noch in der Wahlnacht entschloß, für seine Person die Konsequenzen zu ziehen.

Tatsächlich hat Rau – von den schlechten Nachrichten aus Hamburg arg gebeutelt – geschwankt, ob er nicht aufgeben soll. Aber er weiß auch: den Zeitpunkt, zu welchem er noch einigermaßen frei hätte anders entscheiden können, versäumte er damals, als er sich zur Kandidatur bewegen ließ.

Damals, nach dem Triumph bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, folgte er der Räson, nicht dem Gefühl. Man verkleinert ihn nicht, wenn man daran erinnert. Zu Raus Stärke gehört es ja gerade, sich (und andere) richtig einzuschätzen, sich Grenzen zu ziehen; er plustert sich nicht gern auf und mag sich nicht illuminieren. Rau hat damals nicht auf sich und die wenigen, die ihm abrieten – sein Freund Klaus Matthiesen war einer von ihnen – gehört.