Ich habe keine Hemmung, Schweizer zu sein. Ich bin aber auch nicht beleidigt, wenn man die Schweizer angreift. Ich begreife auch das Minderwertigkeitsgefühl mancher Schweizer nicht. Ob ich jetzt in einer Herde von 1000 Ochsen lebe oder in einer Herde von 1 Million – das ist doch kein Unterschied.

Friedrich Dürrenmatt in einem Gespräch mit Klaus B. Harms, „Die Deutsche Bühne“, 11/86

Empfänger verstorben

Die Offenen Briefe nehmen überhand. „Lieber Fisch“ – so lesen wir in einer Anzeige, unterzeichnet mit „Die chemische Industrie“ ( DIE ZEIT Nr. 46) – „Es wird Dir guttun, daß die chemische Industrie die organische Belastung der Gewässer in den letzten Jahren um mehr als 90 % gesenkt hat... Es gibt nichts zu beschönigen. Wir haben alle miteinander noch genug zu tun, die Abwasser-Sünden der Vergangenheit aufzuarbeiten. Aber es wäre unredlich, zu übersehen, wieviel wir gemeinsam schon geschafft haben ... Die Belastung des Rheins z. B. mit Schwermetallen wie Chrom, Blei, Kupfer, Nickel und Zink ging in diesem Zeitraum um 50 % bis 80 % zurück. Er hat heute bereits wieder einen höheren Sauerstoffgehalt als in den 50er Jahren. Und das alles wurde erreicht, während gleichzeitig die Produktion der chemischen Industrie ganz erheblich gesteigert wurde.“ Liebe chemische Industrie: der liebe Fisch bedauert, die frohe Botschaft wegen Ablebens nicht mehr entgegennehmen zu können.

Elisabeth Grümmer

Sie war immer eine Erste Dame: Bei Mozart eine Gräfin, die Tochter einer (nächtlichen) Königin oder eines Komturs, bei Strauss eine Feldmarschallin oder eine Gräfin, bei Verdi eine Desdemona, bei Wagner eine Elsa oder Elisabeth – aber sie hat nie die Attitüden einer Primadonna gezeigt. Sie war die Unschuld vom Lande: bei Wagner eine Eva, bei Weber eine Agathe – und selbst in den Metropolen des Starkults, in Salzburg und Bayreuth, in Wien, London, Berlin, in Mailand, Paris oder Buenos Aires hat sie sich nur unwillig und selten ins grelle Rampenlicht stellen lassen. Daß der, freilich in der Regel dem italienischen Fach zugesprochene, Bei canto auch eine deutsche Variante hat oder haben kann, diese Mischung aus Technik und Ausdruck, Klangkultur und Atemvirtuosität, Intonation und Artikulation; daß dieser „Schöngesang“ sich bei uns verbindet eher mit Innigkeit als mit bloßer Virtuosität, mit Lyrik statt Koloratur – Artistik, mit feiner und intelligenter Nuance mehr als mit der sieghaften Stretta – dies hat sie uns in der Oper, deutlicher noch in ihren Konzerten gezeigt, in Bachs Passionen etwa. Wer schließlich einmal wirklich des Trostes bedarf, mag noch einmal hineinhören in das „Ihr habt nun Traurigkeit“ aus dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms: Überzeugender, wahrhaftiger, glaubwürdiger – schöner hat das nie jemand gesungen als Elisabeth Grümmer in ihrer Aufnahme (vor einiger Zeit ist sie wieder neu aufgelegt worden) mit Rudolf Kempe. 1911 in Lothringen geboren, zunächst Schauspielerin, dann (in Aachen von Karajan) entdeckt, von 1946 bis zu ihrem Bühnenabschied 1972 den Berlinern treu, ist Elisabeth Grümmer am vergangenen Donnerstag im westfälischen Warendorf gestorben.

Reisegeld

Winter 1947. Ein Bauernbursche aus Siebenbürgen und ein Bohemien aus Czernowitz fliehen in den Westen. In Wien angekommen, übermannt den einen das Heimweh, er geht zurück nach Rumänien, der andere reist weiter nach Paris, mit einem Empfehlungsbrief an die literarische Welt in der Tasche. Das Gedicht, das ihn berühmt machen wird, ist gerade veröffentlicht worden, in rumänischer Übersetzung. Geschrieben hatte er es in der Sprache der Mörder seiner Mutter, auf deutsch. Der Titel: „Todesfuge“, der Autor: Paul Celan. Wie aus dem Gedichte schreibenden Jung-Playboy Paul Antschel der Dichter Paul Celan wurde, und welche Erfahrungen (Verschleppung und Zwangsarbeit) hinter der „Todesfuge“ stehen, davon handelt der Film „Zwischenzeit“ des Rumäniendeutschen Friedel Schuller, der gerade an den Originalschauplätzen entsteht. Das Kuratorium junger deutscher Film und das Bundesministerium des Inneren (Drehbuchprämie) haben das Projekt gefördert, nur die Fernsehanstalten, sonst an Koproduktionen durchaus interessiert, können mit dem Thema offensichtlich nichts anfangen. Und eben auf die wäre der Regisseur nun angewiesen, wegen der „Restfinanzierung“. Celan ist damals in Wien angekommen, Schuller hat heute Schwierigkeiten, ihn dahin zu bringen. Ob da ein Band mit Gedichten von Celan, adressiert an die Fernsehdramaturgien, vielleicht hilft?