Als er geboren wurde in Dresden, wurde dort gerade das Spätwerk Richard Wagners erst- und das frühe von Richard Strauss uraufgeführt. Als der Zwanzigjährige sich musikalischpraktisch erprobte, tat er es in Schlemmers Triadischem Ballett und bei Tourneen von Mary Wigman. Als er, dreißigjährig, von seinem Verlagschef nach Berlin geschickt wurde, mußte er dort bald schon die „Entartete Kunst“ und das „Weltjudentum“ vertreten. Als er vierzig wurde, hoffte er: „Sobald dieser Hitler weg ist, bringen wir alles im Druck heraus.“ Damit mußte er freilich bis zu seinem fünfundvierzigsten Geburtstag warten. Dann indes konnte er der Ziehvater all jener werden, die nach dem Zweiten Weltkrieg die abendländische Musikgeschichte machten – zwischen Gottfried von Einem und Karlheinz Stockhausen, Kagel und Nono und Boulez. Inzwischen hat er das Regiment bei der Wiener Universaledition in jüngere Hände gelegt – aber immer noch läßt er es sich nicht nehmen, zu den wichtigen Ereignissen der Neuen Musik zu reisen, dort fröhlich und zuversichtlich zu genießen, daß seine Schützlinge die Ahnungen seiner Spürnase und das Vertrauen seines Herzens bestätigen. Wenn man dem Musikverleger Alfred Schlee zu seinem fünfundachtzigsten Geburtstag am 19. November etwas wünschen möchte, so dies: das auch die „jungen Leute“ seiner Universaledition den Mut zu seiner eigenen Risikobereitschaft und das Engagement für das Unsichere, Neue, Unübliche, nicht schon auf den ersten Blick Profitable aufbringen. Kein leichtes Geschäft in dieser an Kompositionstalenten offenbar nicht gar so reichen Zeit. Aber Alfred Schlee hat ihnen hinreichend gezeigt, daß und wie man sie findet und fördert: mit Geduld und Neugier, eigener Überzeugung und Respekt vor dem anderen. H. J. H.