Der wundersame Erfolg des Sucht-Therapeuten Vincenzo Muccioli

Von Rino Sanders .

Ich bin geneigt, von Wunder zu sprechen, wenn ich an San Patrignano denke. Vincenzo Muccioli, ein Hotelier aus Rimini, der das Elend der Drogensüchtigen nicht mehr untätig ansehen mochte, hat es bewirkt: „Man kann doch als Bürger nicht abends die Haustür hinter sich zumachen, den Fernseher einschalten und so tun, als geschähe draußen nicht all das Unglück.“

Vincenzo Muccioli verkaufte sein Hotel und richtete 1979 auf dem Grundbesitz der Familie eine Rettungsstation für Drogenabhängige ein. Freunde halfen ihm dabei. Der Petrolindustrielle Gianmarco Moratti, der mit seinen finanziellen Möglichkeiten dem riskanten Unternehmen auch in schlimmen Zeiten beistand, verbringt noch heute ganze Wochenenden mit seiner Familie im Kreise der jungen Leute von San Patrignano.

Die schlimmen Zeiten kamen Ende’ 1980, als Muccioli aufgrund einer Anzeige verstörter Abhängiger wegen „Freiheitsberaubung“ von Carabinieri abgeholt und für gut einen Monat eingesperrt wurde. Vier Jahre später wurde ihm in dieser Sache der Prozeß gemacht, eine langwierige, konfuse Farce, die allenfalls die Unzulänglichkeit auch des italienischen Staates und seiner Gesetze vor dieser schrecklichen Wirklichkeit jenseits des Verstandes erwies. Muccioli bekam Bewährungsfrist.

Alles, was ich vorher über San Patrignano erfahren hatte, war mir nahegegangen. Ich hatte über diesen Kurort eigener Art berichten wollen, lange bevor der Prozeß ihm Massenmedien-Reputation brachte. Danach dachte ich: vorbei! Mir schien, Publizität solchen Ausmaßes müsse tödlich sein für eine Institution, deren Wirksamkeit gerade im wiederhergestellten menschlichen Kontakt, im Wir-Erlebnis liegt.

Was in San Patrignano geschieht, erweist sich jedoch als stärker. Das erfuhr ich, nachdem ich mich entschlossen hatte, trotz allem hinzugehen und selbst zuzusehen. Ich hatte Muccioli inmitten oft anämischer Psychiater, Psychologen, Therapeuten jeder ideologischen Richtung unaufdringlich souverän, beinah befremdend selbstgewiß seine Sache darlegen hören. Nun wollte ich ihn in der von ihm geschaffenen Umgebung erleben, inmitten der jungen Leute.

Werkstatt, Theater, Kino

San Patrignano liegt im Hügelland halbwegs zwischen Rimini und San Marino. Nach Osten blickt man auf einen blauen Streifen Adria, im Westen steht die dreigezackte Felswand San Marinos. Abends, wenn am Himmel über der ältesten Zwergrepublik die Sterne pulsieren, flimmern die Kunstlichter der Teutonenrost-Metropole: eine Verlockung, der es standzuhalten gilt für die heute beinah 600 Bewohner des Entziehungs-Centers.

Wer zu ihnen hinauffährt, sieht, ehe er an dem neuen Flachbau für Verwaltung und Konsultation gestoppt wird, rechter Hand die Muccioli-Villa. Weiter oben mündet die Straße in Parkplätze vor neuen oder umgebauten Gebäuden: Spontan-Architektur, die Bedarf möglichst schnell befriedigt.

Links ein Swimmingpool, eine Zeile hölzerner Behelfsheime für Ehepaare mit Kindern, rechts weitere Unterkünfte. Dann der Hauptbau mit einer Art kiesplattenbelegter Agora, wo man sich vor und nach den so wichtigen gemeinsamen Mahlzeiten trifft.

Ehe man in den mit langen Tisch- und Bankreihen bestückten Speisesaal gelangt, durchquert man einen Aufenthalts- und Freizeitraum, dessen schwere, stoffbespannte Holzsessel eigener Produktion entstammen. Drei weiße Volieren stehen dekorativ herum. Das Gekecker und Gekeife der Sittiche und Papageien schirmt vertrauliche Gespräche ab. In der Trennwand zur Mensa ein Aquarium. Muccioli liebt alles, was da kreucht und fleugt: überall Tiere, der reinste Zoo.

Auf der anderen Seite des Speisesaals ist die moderne Küche eingebaut. Die Köche und ihre Crew in professionellem Weiß bereiten schmackhafte Menüs, auch sie einst Drogenabhängige wie alle hier. Das Kellnern wird reihum besorgt, ebenfalls in weißen Jacken, Kitteln, Häubchen.

Die Halle ist einem Bau vorgelagert, der einen Großraum für Möbelrestauration enthält und auch ein Theater mit Kinoeinrichtung. Hier werden selbstgebastelte Stücke aufgeführt, gastieren auch namhafte Musikstars.

Rotgemalte Eisentreppen führen zu den für Jungen und Mädchen getrennten Schlaftrakten. Ohne Umstände zeigten sie mir ihre Zimmer: je drei Dreistockbetten, eine sanitäre Kabine, am Fenster ein Schreibplatz. Sie bemerkten wohl meinen Mangel an Begeisterung; denn mein Begleiter führte mich in die noch unfertige Bibliothek nebenan: ganz in hellem Holz, Separees zum Studieren, alles, Mobiliar eingeschlossen, aus der hauseigenen Schreinerei.

Ja, auch Studienplätze, etwa an der Universität Bologna, besorgt Muccioli; scheinbar endgültig Gescheiterte bringt er dahin, wieder anzufangen, und andere, die Lust und Neigung zeigen, es an der Uni zu probieren. Etliche holen an den Gymnasien der Umgebung ein in der Drogenzeit ganz aus den Augen verlorenes Abitur nach. Guido, der sechs Jahre lang kein Klassenzimmer mehr betreten hatte, erzählt mir: „Als ich meinem Vater die Abschrift von meinem Zeugnis schickte, wollte er absolut nicht glauben, daß es meines sei.“

Wer, argwöhnisch, aber lernbereit, nach San Patrignano kommt, der wird als erstes staunend die lockere Atmosphäre zur Kenntnis nehmen. Er wird kaum für möglich halten, daß all diese von tätigem Landleben gebräunten jungen Leute im Schnitt sechs, acht Jahre Heroin, neuerdings auch Coke hinter sich haben oder, schlimmer fast, Psychopharmaka.

Daniela, eine Neapolitanerin, meldete mich an. Sie versieht mit anderen Einfühlsamen den „undankbaren“ Telephondienst rund um die Uhr. Muccioli nähme jeden auf, dessen Verzweiflungsruf ihn erreichte; aber die Kapazitäten sind nun mal trotz ständiger Erweiterungen nicht unbegrenzt, und die am Telephon müssen das plausibel machen.

Muccioli erhebt sich aus seinem Schreibtischsessel und reicht mir die Hand. Ich stehe einem wuchtigen, schon äußerlich imposanten Mann gegenüber: starke Brauen über braunen Augen, die lachen können oder jäh sich weiten, wenn Wichtiges zur Sprache kommt.

Der Mann sei 53 Jahre alt, sagt mir jemand, verheiratet, und auch seine Kinder nähmen teil an San Patrignano. Leicht könnte er sein unbezweifelbares Charisma für sich selbst ausbeuten; aber Muccioli ist beileibe kein Guru, auch kein „Maestro“, wie hierzulande allerlei obskure Gruppengründer sich von Jüngern nennen lassen; er ist vielmehr einer, dem es den Appetit verschlägt, wenn er Menschen neben sich hilflos verkommen sieht.

So wenigstens sehe ich ihn: ein Mensch der wohlgesinnten Vernunft ohne ideologischen oder religiösen Überbau – ein Mitmensch. Sogar die Kirche hat nach langem Zögern ihr Mißtrauen gegen seine Einrichtung abgebaut, und die Gerichte schicken dem Mann, den sie wegen Freiheitsberaubung verurteilten, junge straffällige Fixer, damit sie hier statt im Gefängnis bei „Hausarrest“ clean werden können. Wer dennoch abhaut, bekommt sogleich ein halbes Jahr Gefängnis mehr.

Den Status des „arresto domiciliare“ haben zur Zeit rund 150 Bewohner. Sie werden von den anderen deswegen nicht geschnitten; denn sie alle, von wo und aus welchen Verhältnissen sie auch kommen, haben ein gemeinsames und über jegliches Trennende hinaus bestimmendes existentielles Erlebnis: die Droge. Das bindet sie – sondert sie freilich auch ab. Darum wird es, wenn sie schon geheilt sind, ihr Problem bei der Rückkehr in die Gesellschaft sein. Doch Vincenzo läßt keinen gehen, solange er keinen Job für ihn hat.

Hier, in der kooperativen Gemeinschaft, braucht keiner Geld. Das gibt er an der Aufnahme ab. Die verwahrt es. Der Aufenthalt in San Patrignano ist kostenlos, auch wenn er sich über Jahre hinzieht. Muccioli liegt daran, daß sein Gemeinwesen sich aus eigener Kraft erhält: keine Stiftungen, keine Spenden, aber offene Bilanzen.

Heute erstreckt sich San Patrignano über 200 Hektar Hügelland: 50 Hektar Reben, vier Gemüsegärten. Viele Wiesen und Weiden ernähren 280 Kühe und 700 Schafe und Ziegen, aber auch ein kostspieliges Gestüt. Aus 150 edlen Pferden soll eine eigene Zucht entstehen. Renner, die den Namen „San Patrignano“ auf die internationalen Bahnen tragen können. Es gibt eine Hunde- und eine Katzenzucht mit preisgekrönten Tieren.

Arbeit genug also für alle, Arbeit vom Tag der Ankunft an; denn daß jeder, der aufgenommen wird, alsbald etwas tut und dafür verantwortlich ist, ist schon Teil der Therapie. Er kann sich dann umsehen, um eine Arbeit zu finden, die ihm liegt. Rund dreißig Tätigkeiten stehen zur Wahl, vom Bäcker bis zum Kürschner, vom Vergolder bis zum Traktorfahrer. Eine eigene Zweimonatszeitung in modernstem Farbdruck und mit kundigem Layout berichtet über das Leben in San Patrignano und über die Drogenprobleme in aller Welt. Ein eigenes zahntechnisches Labor mildert die Misere der Heroinsüchtigen; der Stoff geht an die Leber, aber er ruiniert auch das Gebiß.

Alle, die ich auf dem weitläufigen Gelände in Scheunen, Ställen, Werkstätten, Labors aufgesucht habe, berichteten mir bereitwillig und oft mit deutlichem Stolz von ihrer Arbeit.

Man muß erleben, wie heiter sie mittags und abends von ihren verstreuten Arbeitsplätzen zu den Mahlzeiten kommen, eingesammelt von Kleinlastern oder auch von kennzeichenlosen Karren für den internen Betrieb, die nach der Methode „aus zwei mach eins“ von Auto-Schrottplätzen geklaubt und zusammengebastelt wurden. Einer sagt mir: „Meine Eltern haben mich reingelegt. Ich wollte nicht nach San Patrignano. Dann sah ich, was hier los ist, und wollte nicht mehr weg.“

Beistand in der Krise

Vom ersten Tag an bekommt jeder Raucher morgens zehn in Silberpapier abgepackte Zigaretten zugeteilt, mit denen er haushalten muß. „Nur ein Mittel zum Training“, sagt Muccioli, „anzufangen, ein wenig Würde vor sich selbst zu entwickeln.“ Da sieht man sie ihre Glimmstengel halbieren oder auch Zug um Zug herumgehen lassen, und mancher leiht sich eine halbe Zigarette.

Jedem Neuen wird einer beigegeben, der die Sucht schon halbwegs hinter sich hat. Der kümmert sich ganztägig um ihn, und wenn die unausweichlichen Entzugskrisen kommen, stehen ihm sogar drei bei, die Bescheid wissen.

Metadon ist nicht der Stil des Hauses. „Das endet meistens damit, daß du beides nimmst: Heroin – und Metadon zur Überbrückung zwischen Schuß und Schuß“, so klärten sie mich auf. Viele haben alles durch und abgehakt. Sie waren in Indien und Nepal, als jene Gegend „in“ war, und in den kostspieligen Kliniken Amerikas, Englands und zumal der Schweiz. Sie kennen sich aus in jederlei Drogeneffekt. Wer hier einen Neuen zu betreuen hat, hofft, es möge kein Psychopharmaka-Abhängiger sein. Das sei einfach mies. „Das Zeug geht auf den Keks, die graue Rinde, und du brauchst Monate, bis so einer zu sich kommt.“ Überdies sei es am leichtesten, sich solche Sachen zu beschaffen. „Die Ärzte verordnen dir das, pumpen dich in den Kliniken voll damit. Dann bist du still und friedlich.“

Bei den Ex-Heroinern liegt das Problem anders: Sie fühlen sich in dieser Umgebung schon nach wenigen Wochen körperlich fit und glauben bald, geheilt zu sein, obwohl sie weit davon entfernt sind. Es bedarf wohl der großen Erfahrung Mucciolis zu entscheiden: „Du kannst gehen“ oder „du bist noch nicht so weit“. Er habe ein untrügliches Gespür dafür, sagen mir die Betroffenen, und deshalb halte man sich an sein Urteil.

Natürlich gibt es Fluchten – und es gibt reuige Rückkehr. Ich habe erschütternde Berichte angehört, die dennoch belegen, wie weit es hier – und leider kaum sonstwo – gelingt, einem Menschen sein verlorenes Selbst nicht nur bewußt, sondern habhaft zu machen, ihn wieder zu sich selbst zu bringen. Über 1300 junge Leute sind bisher von San Patrignano rückfallfrei ins „normale“ Leben heimgekehrt.

Mag sein, daß alles, was ich von den Entronnenen, den Befreiten zu hören bekam, parteiisch ist. Wie könnte einer den, der ihn gerettet hat, unbefangen sehen? Aber was ich allein und ohne bemüßigten Begleiter beobachtet habe und dann, um sicherer zu gehen, gegenfragte, darf vielleicht eine gewisse Objektivität beanspruchen und so den Erfolg von San Patrignano erklären helfen.

Muccioli besitzt jene in unserer Gesellschaft kaum mehr vorhandene Herzlichkeit, die entbehren zu müssen vielleicht viele seiner Schutzbefohlenen in ihre hoffnungslose Lage getrieben hat. Man muß ihn sehen, wie er umgeht mit den Seinen. Wer gerade „down“ ist und ein Problem hat, geht zu Vincenzo, sogar beim gemeinsamen Essen: ein herzliches Umfassen, ein kurzer Austausch, und einer geht gestärkt an seinen Platz. Es ist, als gewönnen in diesem Miteinander die „einsam streunenden Hunde“ ein Urvertrauen zurück, die Basis ihrer Resozialisierung.

Draußen reden manche von Muccioli-Abhängigkeit wie von einer Droge. Die drinnen, die ich dazu befragte, erklärten, natürlich fühle man sich immer nach San Patrignano hingezogen, aber eben wie es in einer guten Familie geschehe. Auch um zu beweisen, daß es seiner nicht bedürfe, wenn man es nur richtig anfange, hat Muccioli eine Außenstelle weit weg in den Bergen gegründet, die allein von ehemaligen Drogenabhängigen betrieben wird.

Ehe ich San Patrignano verließ, sprach ich mit ihm und meinte, nach allem müsse er einer der wenigen glücklichen Menschen sein, die ich kennenlernen durfte. Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er: „Felice no, ma sereno“ – glücklich nicht, aber heiter, gelassen: ein Gestimmtsein, dessen Schwingungen, meint er, sich sicherlich den jungen Leuten von San Patrignano mitteilten. Ihrer Kooperative hat er die 200 Hektar übereignet.