Von Rolf Schneider

Das allgemeine bundesdeutsche Interesse an der DDR geht, wenn die Zeichen nicht trügen, wenn die Demoskopen nicht lügen, unentwegt zurück. Gründe dafür: Fast vier Jahrzehnte nachkriegsdeutscher Zweistaatlichkeit schaffen Konventionen, die schließlich stärker sind als alle nationale Nostalgie; das westdeutsche Staatsvolk blickt westwärts; die Grenze an der Elbe, nicht bloß eine deutsch-deutsche, sondern auch eine zwischen zwei kontroversen Weltsystemen, verweist auf eine Wirklichkeit, die je nach Gemütslage als fern, fremd oder herzlich irrelevant empfunden wird.

Dem widerspricht auf sonderbare Weise, daß die Zahl der in Westdeutschland gedruckten Bücher über die DDR stürmisch wächst. Fast keine

Eckart Bethke: Jubeln nach Dienstschluß. Leben in Ost-Berlin; Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1986; 304 S., 29,80 DM.

Per Ketmann/Andreas Wissmach: Anders reisen – DDR. Ein Reisebuch in den Alltag; Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1986; 448 S., 17,80 DM.

Woche mehr ohne einen neuen Titel, und das Spektrum reicht von der drög wissenschaftlichen Spezialabteilung bis zum emotionsgefütterten Erlebnisbericht eines eben Fortgelaufenen aus dem DDR-Establishment. Wer sich erinnert, wie dürftig dieses publizistische Feld noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren bestellt war, also zu Zeiten, da die deutsch-deutschen Stimmungen heftig fauchten, den muß solch reziproker Zustand unserer Gegenwart verwirren.

Das klärende Schlüsselwort wird wohl lauten müssen: Versachlichung. Deren Brot ist allemal die Information, also Aufklärung und deren ältestes Medium ist das Buch. Hier existiert nun seit längerem eine ziemlich hoch angelegte Meßlatte: „Wo Deutschland liegt“, der Rapport von Günter Gaus, dem ersten Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR. Sein Buch ist ein Muster an Detailkenntnis, gescheiter Analyse und kunstvoll ausbalanciertem Geschichtsurteil.