In den frühen Morgenstunden des 22. Novembers 1811 (vor nun genau 175 Jahren) erhält der Königlich Preußische Policey Rath zu Potsdam, Meyer, eine schreckliche Nachricht. Sofort gibt er dem Königlichen Hof Fiscal zu Berlin, Herrn Justitiarius Felgentreu, Bescheid: "So eben zeigt mir der Gastwirth Stimming auf der Berliner Chaussee an, daß sich jenseits Wilhelmsbrück eine fremde Mannsperson und eine Dame erschossen hätten." Gemeinsam eilt man zum Ort des Geschehens. Die beiden Toten sind rasch identifiziert: Es handelt sich um den ehemaligen Lieutenant im Regiment der Königlichen Leibgarde Herrn Heinrich von Kleist und die Gattin des Landschafts Rendanten Vogel, Frau Adolphine Henriette Vogel, geborene Kaeber. Die polizeiliche Untersuchung geht ihren Gang; eine Obduktion wird vorgenommen, Zeugen werden befragt: Nichts an dem Verhalten der beiden Personen sei ernsthaft auffällig gewesen. Heiter und fröhlich seien sie gewesen, zwei in einander selig-verlorene Verliebte, wie es schien.

Ein gemeinsamer Freund, zum Tatort herbeigerufen, der Kriegsrath Ernst Friedrich Peguilhen, wagt die erste Erklärung: "Da der Herr von Kleist ähnlich schwärmerisch religiöse Gesinnungen hegte, wie Madame Vogel, so sympathisierten beide bald, und wurden Freunde ... Überhaupt glaube ich ... daß zwischen beiden, eine Sympathie der Seelen, und eine geistige Liebe stattgefunden, die durch Phantasie und überspannte Religiöse Begriffe und Ansichten, einen so hohen Grad erreicht, daß beyde endlich die Auflösung ihrer Körper für das höchste Glück angesehen, und danach gestrebt haben." "Schwärmerische Gesinnung", "Phantasie und überspannte Religiöse Begriffe" – es ist dies der allererste Versuch, am 22. November 1811 auf dem Stimmingschen Kruge zu Protokoll gegeben, sich dem Rätsel Kleist zu nähern.

Georg Minde-Pouet hat diese Aktenstücke aus dem Nachlaß der Marie von Kleist 1925 erstmals veröffentlicht. In ihnen spiegelt sich noch einmal sonderbar die Fremdheit Kleists unter den Menschen. Es ist keine böswillige Ablehnung, kein Nichtverstehen-wollen sondern ein Nichtverstehen-können, eine tiefe Ratlosigkeit gegenüber diesem Anderen und seiner "Seelenfreundin" Henriette Vogel. So hat es Kleist selbst empfunden, wenn er in seinem letzten Brief an die Schwester schreibt: "Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war." Als der Arzt bei der Obduktion den Schädel Kleists zu öffnen versucht, bricht die Säge entzwei. B. E.