Auch kommende Generationen werden an der deutschen

Geschichte zu tragen haben

Von Karl-Heinz Janßen

Es ist schon fünfundzwanzig Jahre her, und darum darf man die Geschichte auch erzählen. Bei einer jener seltenen Gelegenheiten, wo sich Bonner Politiker und Journalisten im geselligen Kreise zusammensetzen, schon weit nach Mitternacht, wenn im Gespräch die Dinge gern auf die Spitze treiben, geschah es, daß ein Streit anhub über die Frage, was im September 1939 für Deutschland besser gewesen wäre: die fortdauernde Herrschaft Hitlers – oder die Polen in Berlin. Dem Verteidigungsminister, einem aufstrebenden Politiker aus Bayern, selber Kriegsteilnehmer, und seinen obersten Generälen, allesamt ehemalige Offiziere der Wehrmacht, war der Gedanke unerträglich, polnische Truppen hätten die Reichshauptstadt besetzen und die Deutschen von ihrem Diktator befreien sollen. Schon das Gedankenspiel verletzte ihre patriotischen Gefühle.

Jene gespenstische nächtliche Szene enthüllte einiges von dem, womit sich die Mehrheit der Deutschen nicht abfinden mag: Teilung des Vaterlandes, Verlust der Ostprovinzen, ein verlorener Krieg. Deutlich aber auch, woran sie nicht erinnert sein möchte: an Hitler, den Nationalsozialismus, die unauslöschlichen Verbrechen. Diese Abneigung ist seither nicht schwächer, sondern stärker geworden, so sehr, daß der Philosoph Jürgen Habermas befüchtet, die politische Kultur und das Selbstverständnis der Bundesrepublik könnten sich verändern. Deshalb eröffnete er in dieser Zeitung mit seiner Kritik an einigen „neokonservativen“ Zeithistorikern eine Debatte, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland die Gemüter erregt hat.

Erwünscht ist, so Habermas, „eine Art Schadensabwicklung“, die Entsorgung der deutschen Geschichte. Ein Volk, dessen Mehrheit das sogenannte Dritte Reich nur vom Hörensagen kennt, gleichwohl täglich die Folgewirkungen zu spüren bekommt, hat das dringende Bedürfnis nach Normalität, möchte ein Volk wie jedes andere sein, nicht für immer in Sack und Asche gehen, nicht dauernd für die Schrecken des Holocausts haftbar gemacht werden. Vor allem unter den Politikern und Wählern der regierenden bürgerlichen Parteien regt sich der Wunsch, wieder stolz auf die tausendjährige deutsche Geschichte sein zu dürfen – wohlgemerkt auf die Geschichte jenseits der verfluchten zwölf Jahre.

Das Unglück für die Deutschen war, daß am 8. Mai 1945 Befreiung und nationale Katastrophe auf einen Tag fielen. Die Zeitgenossen freilich kannten den Zusammenhang. Bedingungslose Kapitulation, Teilung und Amputation des Reiches waren das Resultat eines mutwillig herbeigeführten Angriffskrieges, und ihre Befreiung von der Diktatur hatten die Deutschen nicht sich selber, sondern den Alliierten zu verdanken.

Mit List und Glück

Darum waren sie in den ersten Nachkriegsjahren hübsch stille, schlüpften mit List und Glück durch die Maschen der Entnazifizierung, paßten sich den jeweiligen Besatzungsmächten und deren politischen Systemen an, konzentrierten all ihre Kraft auf den Wiederaufbau. Es war noch immer dasselbe Volk, das einst Hitler zugejubelt und ihm bis zum bitteren Ende treu gedient hatte. Da sie sich schlechterdings nicht ein neues Volk suchen konnten, haben die Politiker der ersten Stunde den neuen deutschen Staat mit Hilfe ehemaliger Nationalsozialisten und Mitläufer errichtet. Konrad Adenauer, dem alten Pragmatiker, bereitete das keine Beschwer: Man schütte verschmutztes Wasser nicht weg, solange kein reines da sei.

Die Verdrängung der jüngsten Vergangenheit aber sei, so hat Professor Hermann Lübbe 1983 behauptet, sozialpsychologisch und politisch die Voraussetzung für den demokratischen Neubeginn und die Stabilität der Bundesrepublik gewesen. Erst viele Jahre später setzte die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialimus und seinen Ursachen ein; sie wurde von Staats wegen von Zeit zu Zeit neuverordnet, sobald Umfragen oder auch Ereignisse wie die Hakenkreuzschmierereien und der „Holocaust“-Film historische Defizite bei der Schuljugend zutage förderten. Der Zeitgeschichtswissenschaft darf man indes keinen Vorwurf machen: Sie hat ein gewaltiges Pensum an Forschung und Dokumentation geleistet; in unzähligen Büchern wurden die Ergebnisse weitergegeben; Presse, Funk, Fernsehen, Akademien taten das ihre zur Aufklärung. Vergangenheit wurde „bewältigt“ – mitunter des Guten zuviel.

Doch man darf sich über den zwiespältigen Effekt nicht täuschen lassen: Die rasche Eingliederung der Bundesrepublik in das westliche Bündnis und die Europäische Gemeinschaft, die Wiedergutmachungszahlungen an Israel und Millionen ehemaliger Verfolgter, die regelmäßig bekundete Abscheu vor der „nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ beschwichtigten zugleich das Gewissen der Nation. Allzuviel blieb verdrängt: Eliten, Stände, Berufsschichten brauchten viele Jahre, ehe sie sich den eigenen Verstrickungen und der eigenen Mitschuld stellten, die Psychoanalytiker am längsten. Die Justiz hat es nie geschafft. Der Anteil der Wehrmacht an den Verbrechen blieb bis in die späten siebziger Jahre tabuisiert; Industrielle und Bankiers fühlten sich schuldlos-schuldig.

Verdrängungen und Lebenslügen suchten sich die verschiedensten Formen. Zum Beispiel die Totalitarismustheorie, über die jahrzehntelang diskutiert wurde und die in die Schulbücher Eingang fand; diese strukturelle Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus verhalf vielen Deutschen dazu, bis in die Zeit der Ostverträge den Überfall auf die Sowjetunion und die dort verübten Verbrechen in milderem Lichte zu sehen, Schuldgefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zum Beispiel die Dämonisierung Hitlers: Sie verlagerte alle Schuld auf den wahnsinnigen Diktator und entlastete die angeblich irregeleiteten „Massen“, zu schweigen von den Machteliten, die ihm zugearbeitet hatten.

Wie problematisch jeder Versuch einer geschichtlichen Einordnung des Nationalsozialismus bleibt, zeigt sich an einem Begriff, den Professor Martin Broszat, Direktor des angesehenen Instituts für Zeitgeschichte in München, geprägt hat: Historisierung. Das Wort meint etwas Selbstverständliches: Mit dem Generationswechsel mußte irgendwann auch der Nationalsozialismus „geschichtlich“ werden. Es muß möglich werden, ihn objektivierend zu betrachten. Vergleiche müssen erlaubt sein, wenn man dabei nicht die Unterschiede unterschlägt. Frageverbote darf es nicht mehr geben, auch keine Tabus, weder in der Ursachenforschung noch bei den Nachwirkungen in der bundesrepublikanischen Geschichte. Broszat hofft, durch „stärker differenzierende historische Einsicht“ könne jene Epoche „auch moralisch neu erschlossen werden“. War er sich klar darüber, auf welche Gratwanderung er sich da einließ?

Die Sinn-Stifter

Denn inzwischen wehten die Bonner Wende-Winde den Aufklärern ins Gesicht. Historisieren verstehen viele nur noch als Relativieren. Die Epoche des Nationalsozialismus soll für sie eine Epoche unter anderen werden, die Nation endlich aus dem Schatten Hitlers heraustreten. Ein allgemein verbindliches Geschichtsbild wird gewünscht, allzeit abrufbereit in Museen und Bücherregalen. Flinke Historiker erkannten die Zeichen der Zeit. Michael Stürmer, nebenberuflich Kolumnist und Kanzlerberater, dozierte, daß im (wie er meint) „geschichtslosen“ Land „die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“. In konservativen Ohren konnte dies nur als Aufforderung ankommen, die Chance zu nutzen, mit Geschichte Sinn, womöglich nationale Identität zu stiften.

Auch Historiker sind Staatsbürger und haben politische Überzeugungen. Bei der Debatte über Singularität oder Vergleichbarkeit des Holocausts konnte der Leser nicht immer unterscheiden, wo sich Politik, Wissenschaft und Moral vermischten oder persönliche Ressentiments gepflegt wurden. Eines aber ist klargeworden: Etliche Historiker, wollten tabula rasa machen. Auschwitz soll universalhistorisch eingebettet werden irgendwo zwischen den Verbrechen von Stalin und Pol Pot, die „Schuldbesessenheit“ aufhören.

Dies ist der Moment, wo die moralische Verantwortung der Historiker und der Politiker gefragt ist. „Die Freiheit des Fragenden ist in Deutschland seit Hitler eingeschränkt“, so die Neue Zürcher Zeitung zur jüngsten Debatte. Schon der Takt, wenn nicht der Geschmack hätte es Ernst Nolte verbieten müssen, über den Holocaust mit Argumenten und Begriffen zu schreiben, die seit den fünfziger Jahren nur den Rechtsradikalen vorbehalten waren. Jeder Historiker muß wissen, daß seine Vergleiche vom Publikum in exkulpierende Aufrechnungen verwandelt werden können. Da werden dann Katyn und Auschwitz, Dresden und Oradour gleichgesetzt, da wird aus dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Sowjetunion ein Präventivkrieg, der Versailler Frieden wieder zum Diktat und Hitler zum Betriebsunfall.

Wenn die Deutschen meinen, sie seien unter sich, so irren sie sich. Es ist schon schlimm genug, daß sich die Sowjetunion durch Helmut Kohls Vergleich von Goebbels und Gorbatschow „zutiefst beleidigt“ fühlen mußte. Noch schlimmer war sein Vergleich der Konferenzen von Reykjavik und München. Die Financial Times schrieb ihm ins Stammbuch, er sei zu vielem berechtigt, nur nicht dazu, die Geschichte umzuschreiben.

Seit vierzig Jahren versuchen die Deutschen, der schlimmsten Epoche ihrer Geschichte zu entfliehen. Sie möchten wie ein Volk von Schlemihlen ohne Schatten leben. Es wird ihnen nicht gelingen. Sie müssen, wie jung auch immer, das Erbe von Auschwitz mit sich herumtragen. Sich immer wieder erinnern. Und begreifen lernen, wie es geschehen konnte. Auch die kommenden Generationen werden Erben sein.