Von Klaus Pokatzky

Hamburg

Der Weg von der einen in die andere Welt war kaum 200 Meter weit, vergessen wird Sandy Balfour ihn dennoch nie. Es war am Tag vor Heiligabend, seine Habe trug er im Rucksack, als er morgens um neun über die Beit-Bridge stiefelte, die, hoch über dem Limpopo, die Republik Südafrika mit Zimbabwe verbindet. Den weißen südafrikanischen Grenzposten hinter sich, den schwarzen zimbabwischen vor sich, blieb er mitten auf der Brücke ein paar Minuten stehen.

Die Sonne stach vom Himmel, das Flußbett unter ihm war braun ausgetrocknet, der letzte Blick auf die alte Heimat zeigte Hügel mit Dornbüschen. Dahinter lagen Kindheit und Jugend im wohlhabenden weißen Bürgertum als Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin, lagen Studium und Arbeit als Lehrer. "Well, I must look to the other direction", sagte er sich schließlich und schritt weg vom Apartheid-Staat der weißen Herrenmenschen, hin zum schwarzen Afrika. Es folgte eine viermonatige Tramp-Tour durch Afrika und Europa, bis er endlich, im Mai 1984, in seiner neuen Heimat ankam: London. Da sein Vater gebürtiger Brite ist, war es für ihn keine Schwierigkeit, britische Staatsbürgerschaft und englischen Paß zu bekommen. Zunächst arbeitete er als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum, dann in einem Forschungsinstitut, heute ist er arbeitslos.

Sandy Balfour, inzwischen 25 Jahre alt, ist einer der Aktivisten des in London beheimateten "Comittee on South African War Resistance" (COSAWR), einer also aus der wachsenden Schar junger weißer Südafrikaner, die sich weigern, in der Armee der Apartheidrepublik gegen schwarze Aufständische und Nachbarstaaten zu kämpfen. Das Komitee hat zu rund 400 solcher Verweigerer Kontakt, die nach London emigriert sind. Dort haben mittlerweile Zehntausende Apartheidsgegner aller Hautfarben Zuflucht gefunden.

Zweimal war Sandy Balfour schon in Deutschland, als Kind mit seinen Eltern zum Urlaub. Nun bei seiner dritten Reise durch die Bundesrepublik fungiert er, zwei Wochen lang, als Botschafter eines anderen weißen Südafrika. In Kirchen und Schulen versucht er zu erklären, warum so viele seiner Altersgenossen beim Kampf um die Macht am Kap nicht auf der Seite der weißen Regierung stehen wollen – und schildert den bundesdeutschen Kirchgängern, Studenten, Schülern, Zivildienstleistenden, daß sie mit diesem Kampf mehr zu tun haben, als sie denken.

Das ist oft recht schwierig. Beim Gottesdienst in der Evangelischen Kirche Mülheim-Heißen, wo er fünf Minuten zu den Gläubigen sprechen darf, hat er das Gefühl, zu lauter Menschen zu reden, die zwar freundlich zuhören, aber mit ihren Gedanken schon beim Abendmahl oder der nächsten Taufe ihres Nachwuchses zu sein scheinen. Und von den hundert Zivildienstleistenden des Diakonischen Werks in Mülheim, die Montag mittag um zwei in die "Ladenkirche" am Hauptbahnhof eingeladen waren, sind nur fünf gekommen, obwohl der Direktor des Diakonischen Werks für diesen Anlaß dienstfrei gegeben hatte. Ob die 95 anderen kein Interesse am Thema "Demokratie statt Apartheid und Krieg" haben, bei ihren Dienststellen unabkömmlich sind oder sich lieber einen freien Nachmittag machen, wissen die fünf auch nicht so recht zu sagen.