Die Kapelle spielte "Wozu ist die Straße da" und "Die Vöglein im Walde". Der Sportsprecher in der Halle erklärte, wer gerade wieviel Punkte beim Prämienspurt gewonnen hatte, und der Werbesprecher sagte, wer das Geld oder das Motorrad oder das Wildschwein gestiftet hatte. Die Fahrer sehen von den Prämien nur den Scheck mit der Summe ihres Anteils. Es gab mal einen Schweizer Sechstage-Crack, den sie den Autokönig nannten, weil er immer die Autoprämien gewann. Wenn er die zwei Dutzend Autos tatsächlich genommen hätte, die er auf den Sechstagerennbahnen gewonnen hatte, wäre er am Bau von Garagen pleite gegangen.

An der Innenseite der Logen ging am Bahnrand der Hallendirektor entlang, ein großer Mann im dunklen Anzug, der viele Leute in den Logen begrüßte. Der Hallendirektor verwaltet das ganze Geld, etwa 200 000 Mark an Fahrergagen, die gleiche Summe noch einmal an Prämien, und er ist dafür verantwortlich, daß der Gewinn am Ende bei mindestens einer halben Million Mark liegt. So jedenfalls schätzen einheimische Experten. Die genauen Zahlen sind nicht öffentlich, weil ja nicht das Geld, sondern der Sport im Mittelpunkt stehen soll.

Der Direktor wies darauf hin, daß gerade Sechstagerennen auf ihren Ruf zu achten hätten. Eine Radaubude schreckt natürlich gerade die Leute ab, auf die die Werbung in der Halle zielt. Gut bürgerlich und ein bißchen darüber. 1949 hatte in München das erste deutsche Sechstagerennen nach dem Krieg stattgefunden. Heinz Rühmann war im Smoking gekommen, dazu ein Haufen Filmprominenz aus Geiselgasteig. Fünf Jahre später ließ der Sechstagestar Wiggerl Hörmann die Bahn pfänden, weil der Veranstalter pleite war und die Gagen nicht auszahlen konnte. So etwas soll sich nicht wiederholen.

Ausscheidungsfahren, Rundenrekordfahren, Jagden, Prämienspurts – in festen Bahnen rollte das Rennen in die Nacht hinein. Früher, als die Fahrer tatsächlich noch sechs Tage und sechs Nächte auf ihren Rädern saßen und selbst zwischen sechs Uhr morgens und zwölf Uhr mittags, wenn das Rennen neutralisiert war, von jeder Mannschaft ständig ein Fahrer auf der Bahn sein mußte, so daß sie abwechselnd nicht mehr als drei Stunden Schlaf bekamen, 18 Stunden Schlaf in sechs Nächten (vorausgesetzt, sie konnten sofort einschlafen und sie hatten keinen Partner, der sich – wie einmal der Berliner Star Klaus Bugdahl – in der Attrappe einer riesigen Cola-Flasche versteckt hatte, um auszuschlafen), früher also wußte kein Mensch, wann auf der Bahn etwas passieren würde. Man konnte jederzeit etwas erleben und das hieß, daß man jederzeit auch etwas verpassen konnte. Doch je mehr Geld ins Geschäft gesteckt wurde, desto fester wurden die Rennabläufe, denn der Rennablauf ist zugleich der Geschäftsablauf.

Sigi Renz aus München hat 23mal bei Sechstagerennen gewonnen, jetzt wacht er als sportlicher Leiter über den Rennablauf und darüber, daß kein Fahrer die Beine hochnimmt und "auf lau" macht. Sigi Renz sagt: "Natürlich mußten sich die Sechstagerennen ändern, weil sich die Ansprüche des Publikums geändert haben. Damals kamen die Zuschauer mit einem Butterbrot und der Teekanne in die Halle, heute haben wir hier ein französisches Restaurant. Die Rennen waren damals schwerer. Da mußten an die viereinhalbtausend Kilometer gefahren werden. Wenn’s hochkommt, sind es heute zweitausend. In Berlin haben sie uns mal Stühle auf den unteren Teil der Bahn gestellt, damit wir Fahrer auf der oberen Hälfte blieben und deshalb schneller fahren mußten, weil wir sonst in den Kurven von der Bahn geflogen wären. Wenn man auf die Toilette wollte, mußte man sich abmelden. Nach so einem Rennen brauchte man 14 Tage, bis man wieder ein normaler Mensch war."

Zum Münchner Rennen waren viele Fahrer direkt vom Sechstagerennen aus Madrid gekommen, und nach dem Münchner Rennen reisten viele gleich weiter zum Sechstagerennen nach Paris und danach nach Zürich.

Es ging auf zwei Uhr zu. Die Halle war noch immer zu zwei Dritteln gefüllt. In der Diskothek im Zwischengeschoß hatte Patty aus Jamaika ihren Striptease abgezogen. Die letzten Prämienspurts der Nacht wurden ausgefahren – um Schnupftabak, einen Gänsebraten, ein Paar Ski. Draußen spürte man schon den Winter. Faschingszeit, Sechstagezeit. Die Rennfahrer werden bald in ihre Trainingslager in den Süden ziehen.