Terroristen erschossen in Paris Georges Besse, den Generaldirektor des französischen Automobilkonzerns Renault.

Seinen Mördern bot Georges Besse ein leichtes Ziel. Er war nicht durch Polizisten oder Leibwächter geschützt; der Chauffeur hatte ihn 50 Meter vor seiner Wohnung im 14. Pariser Arrondissement abgesetzt. Kurz vor der Haustür trafen ihn vier Schüsse; Besse war sofort tot. Die Täter – nach ersten Zeugenaussagen zwei oder drei Personen – entkamen in der Dunkelheit.

Vor wenigen Wochen erst erschütterte eine Serie von Terroranschlägen die französische Hauptstadt. Damals kamen die Täter aus dem Nahen Osten; diesmal deutete alles auf französische Täter – oder auf das Werk einer deutsch-französischen Terroristenallianz.

„Revolutionäre Front Westeuropas – Kommando Ingrid Schubert“ bekannte sich zu der Bluttat. Diese Selbstbezichtigung könnte durchaus authentisch sein: Ingrid Schubert, eine RAF-Terroristin, die sich 1977 in der Haft das Leben nahm, als Namenspatronin eines französischen Terrorkommandos – das entspräche der Gewohnheit der deutschen Terroristen, ihre „Kommandos“ nach toten italienischen oder palästinensischen Gesinnungsgenossen zu benennen. Die Parallelen zwischen dem Mordfall Besse und den Morden westdeutscher Terroristen sind wohl kaum zufällig:

– Die Täter lauerten ihrem Opfer vor dessen Wohnung auf und erschossen ihn auf dem Weg vom Auto zur Haustür. So starb vor wenigen Wochen auch Gerold von Braunmühl in Bonn.

– Georges Besse stand an der Spitze des größten Industriekonzerns seines Landes; zuvor war er leitender Manager der Atomindustrie, und bis zuletzt plädierte er leidenschaftlich für den Ausbau der nuklearen Energieversorgung: aus der Sicht westdeutscher Terrorisen war Besse möglicherweise das französische Gegenstück zu dem ermordeten Siemens-Manager Karl-Heinz Beckum.

– Besse wurde 1985, noch unter der sozialistischen Regierung, zum Generaldirektor des staatlichen Renault-Konzerns eingesetzt. In eineinhalb Jahren gelang es ihm, die zeitweilig angeschlagene Automobilfirma aus der Krise zu führen. Obwohl er diesen Erfolg mit der Entlassung von 20 000 Renault-Beschäftigten erkaufte, blieb Besse ein Manager, dem gerade auch die politische Linke vertraute. Die Terroristen der RAF haben den Mord an Gerold von Braunmühl damit begründet, daß der Diplomat bei der Stabilisierung des herrschenden „imperialistischen“ Systems eine bedeutende Rolle spiele. Aus dieser Logik ließe sich der Mord an Georges Besse leicht begründen.

Seit Monaten beobachten deutsche und französische Sicherheitsbehörden die Kontakte zwischen der deutschen RAF und der französischen Action directe. Eine ihrer Vermutungen ist jetzt auf grausame Weise bestätigt worden: die Annahme, daß nach dem Mord in Bonn ein terroristischer Anschlag in Paris auf dem Programm der Terroristen stehe. Hans Jakob Ginsburg