Von Jochen Steinmayr

Zum "Führer" gebeten zu werden, weckt in einem Deutschen fatale Erinnerungen. Doch gleicht Muammar al-Ghaddafis Hauptquartier nicht der düsteren Wolfsschanze. Es liegt am Rande von Tripolis und könnte auch eine Art Volkspark sein. Über die eingrenzende Mauer lugen Palmen und mediterran anmutende Dächer. Keine hundert Schritte vom Haupteingang spielen Schulbuben am Rande der breiten Asphaltstraße Fußball.

An die Übergänge nach Ost-Berlin erinnern grüngestrichene, mit Ghaddafi-Zitaten beschriftete Betonquader, die vor und hinter dem Schlagbaum den Fahrer zum Slalom zwingen. Vor der Wachbaracke eine Handvoll Soldaten mit rotem Barett, orientalisch gelassen an die Wand gelehnt. Ein flüchtiger Blick auf die Ausweise unserer libyschen Begleiter genügt ihnen.

Dann aber starren den Besucher die Geschützrohre zweier sowjetischer T-55-Panzer an, die auf Hochglanz poliert aus schaufenstergroßen Schießscharten eines Bunkers ragen, als seien sie weniger zur Abschreckung denn aus Dekorationsgründen hier postiert. Gleich daneben erhebt sich das repräsentative Empfangsgebäude des Führerhauptquartiers Bab al-Asisija, das fälschlich als Kaserne beschrieben wurde, als vor einem halben Jahr in dieses von Gärtnern gepflegte Areal zwei amerikanische Bomben einschlugen, wohlgezielt vor der Haustür des Obersten Ghaddafi. Ansonsten gibt es noch Unterkünfte für die Wachkompanie und eine rundverglaste, einer Moschee ähnelnde Versammlungshalle.

Schon von der Freitreppe des allen protokollarischen Ansprüchen genügenden Empfangsbaus am Tor sehen wir in einem halbhoch ummauerten Gärtchen, unter Palmen und auf Sand gesetzt, das legendäre Zelt des Kaid. Ein dienstbarer Geist komplimentiert uns und den Dolmetscher mit den weitausladenden Armbewegungen eines orientalischen Haushofmeisters auf den ungepflasterten, nur mit einer Nachtbeleuchtung abgesteckten Pfad zum nahen Zelt.

Es ist viereckig, kaum übermannshoch, mit Leinen und Heringen vertäut wie überall beim Militär und den Pfadfindern, etwa zehn Meter lang und fünf Meter breit. Auf dem Boden liegt ein maschinengewirkter Teppich. Die vordere Querseite des Zeltes ist offen, so daß wir im Halbdunkel einer Höhle den Mann erblicken, den die Welt – je nach Perspektive – als einzigartige oder abnorme Persönlichkeit zu kennen glaubt: Ghaddafi.

Der Oberst, nun 44 Jahre alt und seit 17 Jahren im Revolutionsgeschäft, vermittelt an diesem Tag, da ein Gewitter auf Tripolis lastet, keinen strahlenden Eindruck. Seine Haltung ist schlaff. Sie strafft sich erst, als Ghaddafi – noch vor dem Händedruck zur Begrüßung – mit übergeschlagenen Beinen im schweren, lederbezogenen Managersessel sich in Positur setzt. Ein dunkler Vier-Tage-Bart umschattet das gramzerfurchte Gesicht. Die trüben Augen verraten Müdigkeit. Träge Bewegungen lassen den Sohn eines Beduinenhirten, einst ein feuriger Reiter, gealtert erscheinen. Kein Hauch von Charisma. Keine Anstrengung, den Journalisten verbindlich entgegenzukommen: ein mürrischer Volkstribun in der Midlife-crisis, der sich schon wieder einer lästigen Pflicht entledigen muß.