„Brigitte Lebaan singt Claire Waldoff“

Muß das denn nicht schief gehen, diese Tollkühnheit, „Claire Waldoff“ singen zu wollen, die jeder, der sie je gehört hat, sofort im Ohr hat, wenn auch nur einer ihrer alten Titel genannt wird? Allein diese Fragen (und diese Antworten): „Warum soll er nich mir ihr ...?“ („Tja, ick weeß et nich, die Mutter, die is nich dafür.“) – „Warum liebt der Wladimir jerade mir?“ („Weil er Häuser bauen kann auf mir.“) – „Wer schmeißt denn da mit Lehm?“ („Der sollte sich wat schäm’! Der sollte auch wat anderes nehm’ als ausgerechnet Lehm“). Doch es geschieht etwas Eigenartiges: Zwar hört man die Diseuse Brigitte Lebaan, und glaubt ein bißchen, Claire Waldoff zu hören, und weiß, daß man nicht Claire Waldoff, sondern natürlich Brigitte Lebaan hört. Das ist ganz einfach so: die Lebaan trifft den Ton der Waldoff, sie ist ja eine Schauspielerin, und sie berlinert so perfekt, das heißt so selbstverständlich, so unübertrieben, daß man ihr alles glaubt – und daß man aber auch einigermaßen verdutzt bemerkt, daß die Botschaften dieser kessen Chansons ihre Aktualität, sagen wir: ihre Lebenswahrheit nicht verloren haben. Das gilt beileibe nicht nur für die Parole „Raus mit de Männer aus’m Reichstag, raus mit de Manner aus’m Landtag, raus mit de Männer aus’m Herrnhaus: Wir machen draus ein Frauenhaus.“ Sympathisch an diesem (im Mainzer Kabarett „Unterhaus“ live aufgenommenen) Auftritt ist, daß alles so echt klingt. (Rillenschlange, Postfach 225, 3205 Bockenem. – Im arani-Verlag Berlin ist, zum hundertsten Geburtstag der Chansonette, eine Textsammlung erschienen: „Die Lieder der Claire Waldoff“, herausgegeben von Helga Bemmann; 96 S., 19 Abb., 19,80 DM) Manfred Sack

Steve Miller Band: „Living In The 20th Century“

Als sie erst einmal von Texas an die amerikanische Westküste emigriert war, hatte die Steve Miller Band den Hinweis auf ihre Blues-Vergangenheit auch schon bald aus ihrem Namen getilgt. Blues-Klassiker spielte sie trotzdem ab und zu für die Schallplatte ein: Big Bill Broonzy und Robert Johnson, Jimmy Reed oder Traditionais wie „Motherless Children“, die Miller meist komplett umarrangierte. Bei seiner jüngsten Studio-LP hält er sich fast schon stilpuristisch ans 12-Takt-Schema: Neben den obligatorischen Pop-„Ohrwürmern“ (unter kommerziellem Aspekt gleich alle auf der A-Seite plaziert) findet man hier vier Jimmy-Reed-Oldies und eine Version von Little Walters „My Babe“, bei denen Miller und bewährte Mitspieler wie James Cotton und Norton Buffalo mit gefühlvoll geblasener Mundharmonika an die große Ära des Chicago Blues erinnern. Das alles andeutungsweise in authentischem Antik-Sound produziert und dabei von einer handwerklichen Souveränität, die Erwartungen auf ein Bühnen-Comeback des „Space Cowboy“ weckt. Nach den meist belanglosen Elektronik-Spielereien der voraufgegangenen Platten musiziert er hier fast wieder in der meisterlichen Form früher Jahre. (Capitol 24 0649-1) Franz Schüler