Von Theo Sommer

Sein Bild hängt überall: in Amtsstuben und Geschäftskontoren, an jeder Hauswand und in jedem Schaufenster. Muammar al-Ghaddafi behauptet, er liebe das Rampenlicht nicht, aber er ist allgegenwärtig in vielerlei Pose und Gewandung, als Oberst mit roten Kragenspiegeln und breiter Ordensschnalle, in weißer oder blauer Kapitänsuniform, als Reitersmann in der Wüste, im Beduinen-Umhang oder in modischer Phantasiekluft, halb Mao-Look, halb alta moda.

Auch Ghaddafis Gedanken sind überall: Schlagworte aus seinem Grünen Buch, in dem er jene Dritte Universaltheorie niedergelegt hat, mit der er die ganze Welt beglücken möchte: "Keine Demokratie ohne Volkskongresse" – "Das Par-Demokratie vernichtet die Demokratie" – "Demokratie ist die Kontrolle des Volkes über sich selbst" – "Partner, nicht Lohnarbeiter". Die Parolen springen dem Besucher schon am Flughafen Tripolis in die Augen; sie prangen auf ungezählten Straßentransparenten; sie schmücken die Wände des Zeltes im Hauptquartier des Kaid, des Führers.

Ghaddafi schraubt seinen Anspruch hoch: "Das Grüne Buch weist den Weg zur umfassenden Lösung der Probleme der menschlichen Gesellschaft." Die Jamahiriya, der Staat der Massen, ist ein für alle Welt und für alle Zeit gültiges Modell. Seine Universaltheorie – die dritte nach Kapitalismus und Kommunismus, die er beide ablehnt – gibt der Revolutionär aus der Wüste nicht als subjektiven Entwurf oder als Arbeitshypothese aus, sondern als unumstößliche, unabänderliche Wahrheit: "Ihre Axiome sind das Resultat einer Erforschung der Menschheitsgeschichte; jede Diskussion darüber verbietet sich." Er sieht sich als Prophet: "Die transzendentalen Botschaften sind immer aus der Wüste gekommen." Propheten aber lassen niemanden an ihren Offenbarungen herumkritteln.

Das Grüne Buch ist ein schmächtiger Band. Große Schrift und schmale Spalten dehnen den Text gerade auf 139 Oktavseiten. Das erste Kapitel nennt sich "Die Lösung des Problems der Demokratie: Die Volksmacht" und skizziert eine direkte Demokratie, ohne Parteien, ohne Bürokratie, ohne Repräsentation. Volkskongresse wählen danach auf allen Ebenen Volkskomitees, "schreiben ihnen die Politik vor und kontrollieren sie bei der Ausführung dieser Politik". Das zweite Kapitel umreißt sehr nebulös die Lösung des ökonomischen Problems, einen eigenwilligen Sozialismus: Abschaffung von Lohn, Geld, Profit und Eigentum, freie Nutzung des Bodens und freies Wohnen für jedermann. Kapitel drei schließlich ("Die soziale Basis der Dritten Universaltheorie") ist ein Sammelsurium von wolkigen Exkursen über Nation, Stamm und Familie, Mann und Frau, Bildung, Kunst und Sport.

Diese "Bibel für das moderne Zeitalter" (Ghaddafi zur ZEIT) verbindet Binsenweisheiten ("Die Frau und der Mann sind unbestritten und zweifelsfrei menschliche Wesen") mit Banalitäten ("Frauen sind meistens zart, hübsch, neigen zum Weinen und Erschrecken") und Abstrusitäten ("Obligatorische Ausbildung nach vorgefertigtem Lehrplan ist tatsächlich eine Zwangsverdummung der Massen"). Der Kaid nennt Schwangerschaft eine Krankheit. Er ist gegen Kindergärten, die er mit Geflügelfarmen vergleicht; dem Kind gebühre die Erziehung durch die Mutter.

Ghaddafi träumt von einer Welteinheitssprache. Er möchte das Militär auflösen. Er will die Sportstadien abschaffen: "Wenn jeder ein Pferd besitzt, so wird es niemanden geben, der zuschaut und den Wettenden applaudiert." Den Begriff der Dienstleistungen begreift er überhaupt nicht; er sieht darin keine produktive Tätigkeit. Aber: "Jamahirija ist eine Utopie, die sich verwirklichen läßt."