Von René Drommert

Das ist nicht mehr Europa. Der Palast der Schirwanschahs aus dem 15. Jahrhundert, umgeben von Moscheen und Minaretts, hier in Baku, nur knappe zweieinhalb Flugstunden von Moskau entfernt, kennzeichnet eine verwandelte Welt. Hier, wo sich die Schahs auf der Halbinsel Apscharon am Kaspischen Meer behaupteten, ist etwas anderes unabweisbar präsent: ein Stück Mittelasien mitten im Kaukasus.

Im Laufe der Geschichte sind in diesem Landstrich nach und nach 70 Nationen nachweisbar gewesen. Ein Fremdling, der die kilometerlange, mit Rasenflächen und Bäumen geschmückte Uferstraße, vorbei am großen Hotel „Aserbaidshan“ und vorbei am Regierungsgebäude, zum Hafen schlendert und Bürger der Stadt (die „bakinzy“) trifft, hat es sehr schwer, die Volkszugehörigkeit zu bestimmen. Jetzt, heißt es, werden fast 74 Prozent der Bevölkerung von Aserbaidshanern gebildet. Die Sprache ist, neben Russisch, Aserbaidshanisch, das heißt, eine Sprache türkischen Ursprungs. Vor der Oktoberrevolution, kurz „oktjabr“ genannt, gab es unter den Aserbaidshanern 97 Prozent Analphabeten, jetzt gibt es wohl kaum noch welche. Die Hauptstadt hat 14 Hochschulen, eine Akademie der Wissenschaften, sechs Theater, auch eine Theaterschule, eine Philharmonie, Konzertsäle, einen Zirkus.

Baudenkmäler des Mittelalters findet man auf Schritt und Tritt, zum Beispiel den mit meterdicken Mauern ausgestatteten „Jungfrauenturm“, Gys-Galasy genannt. Die Sage versichert, die unglückliche Tochter eines Chans habe sich von diesem Turm ins Meer gestürzt.

Frauen wurden oft schändlich benachteiligt. In der Siedlung Surachany, 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, gibt es einen Tempel der sogenannten „Feueranbeter“, die das Feuer vielleicht nicht „direkt“, sondern als Abglanz einer göttlichen Macht verehrten. Im Tempel „Ateschgyach“, zum „Turm des Schweigens“, hatten Frauen keinen Zutritt. Mischreligionen dominierten, der Name Zarathustras ist zu hören, des aus Ostpersien stammenden Propheten und Religionsstifters.

Frauen hatten zu kuschen. Aber es agierten, wenigstens schon im 19. Jahrhundert, Rebellinnen gegen Klischees, Vorurteile, Tabus. Es gibt in Baku, wo man keinen Frost, dagegen 284 Tage Sonne im Jahr kennt (das Nachzählen ist zulässig), ein Denkmal der Dichterin Natawan, die gegen die Knechtung der „Geschlechtsgenossinnen“ stritt, eine frühe, avantgardistische Emanze also. Ich lese, daß dieses Denkmal „vielleicht das erste Denkmal einer Frau im Orient“ sei. Bitte, möchte man sagen, mehr Denkmäler für Frauen: in aller Welt!

Von völlig anderem Charakter ist ein Mausoleum, eine Gedenkstätte für rauhe Krieger, für 26 Kommissare, die zum Ende des Ersten Weltkrieges von den Engländern, der Besatzungsmacht, erschossen wurden. Die Gegensätzlichkeit von „Krieg und Frieden“ tritt sinnfällig zutage, wenn zum Denkmal der 26 Kommissare Hochzeitsgäste treten, die damit eine Huldigung den Vorkämpfern einer neuen Gesellschaftsordnung bieten.