Tod in Venedig: So endete einst ein erfundenes Schriftstellerleben. Thomas Mann ließ seinen Gustav von Aschenbach an der Cholera zugrunde gehen. Kunst sei, „auch persönlich genommen“, erhöhtes Leben, heißt es in der Novelle. „Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher.“ Eine alte Frage: Kann der Künstler über der Kunst das Leben versäumen? Oder ist nicht vielmehr die Kunst das eigentliche Leben?

Aschenbachs amerikanischer Kollege Nathan Zuckerman, erst vierzig Jahre alt, ist voller Zweifel. Er ist berühmt, ja berüchtigt, doch er ist unglücklich. Er hat Geld, er hat Frauen, doch er mag nicht mehr. Sollen die anderen die Bücher schreiben! „Ich habe zu lange aus den Koffern meines eigenen Ichs gelebt“, sagt er sich und beschließt, etwas ganz anderes zu machen. „Zwanzig Jahre hier oben in den literarischen Sphären sind genug – jetzt hinein ins volle Menschenleben!“

Nathan Zuckerman ist der Held einer Romantrilogie von Philip Roth, wie dieser ist er Romander und Verfasser eines skandalträchtigen Bestsellers – was dem einen (dem wirklichen) Autor „Portnoys Beschwerden“ sind, ist dem anderen (dem erfundenen) der Sexroman „Carnovsky“.

Thomas Mann hin oder her: Nicht so sehr die deutschen Dichter, als vielmehr die amerikanischen Romanciers sind es, die gern Probleme der Schriftstellerei in ihren Büchern zur Sprache bringen und Schriftsteller zu Helden ihrer Prosa machen. Die berühmten Autoren haben sich fast alle ihre fiktive Spiegelfigur zugelegt. Erica Jong erfand sich Isadora Wing, Joyce Carol Oates den alten Lyriker Albert St. Dennis, John Irving den jungen Romancier Garp, John Updike seinen Henry Bech – und Philip Roth hat seit rund zehn Jahren mit Nathan Zuckerman zu tun.

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Zuckerman ist früh gewarnt worden: schon damals, als er gerade zwanzig war, als alles begann – dargestellt im ersten Band der Trilogie, dem Roman „Der Ghost Writer“ (1979 in Amerika erschienen, bei uns 1980). Zuckerman, der angehende Autor, zu Gast bei einem Großen: bei E. I. Lonoff, „New Englands originellstem Geschichtenerzähler seit Melville und Hawthorne“. Und was erfährt er? Am Ende rechnet des Dichters Ehefrau schonungslos mit dem Einsiedlerleben ihres Mannes ab: „Das ist es, worin sein Glaube an die Kunst besteht...: in der Zurückweisung des Lebens! Es ist Nichtleben, woraus er seine wunderschönen Dichtungen schafft.“

Dreizehn Jahre später hat es der junge Besucher selbst geschafft – „Zuckermans Befreiung“ (1981, deutsch 1982): Im Frühjahr 1969 kann sich der Autor von „Carnovsky“ in keinem Bus mehr blicken lassen. Zuckerman ist zum Star geworden: ein prominenter und populärer Schriftsteller. Und er hat darunter zu leiden. Anonyme Briefe und Anrufe erreichen ihn – Drohungen, Erpressungen, Anschuldigungen. Er, der jüdische Schriftsteller, habe die Juden beleidigt: Man wirft ihm Nestbeschmutzung vor. Der eigene Bruder nennt ihn einen Bastard: „Für dich ist alles ablegbar! Für dich ist alles darstellbar! Jüdische Moral, jüdische Durchhaltekraft, jüdische Weisheit, jüdischer Familiensinn – für dich taugt alles bloß dazu, verulkt zu werden. Selbst deine Schicksen wirfst du in die Gosse, sobald sie deine Phantasie nicht mehr anstacheln. Liebe, Ehe, Kinder – was zum Teufel bedeutet dir das?“ Zuckerman hat darunter zu leiden, daß man ihn mit Carnovsky, der Titelfigur seines nicht gerade prüden Romans, identifiziert.

Dabei ist Zuckerman bisher eher brav gewesen – so erfahren wir nun in der „Anatomiestunde“, dem dritten Teil der Trilogie (vor drei Jahren in Amerika erschienen). Er mußte ja immer schreiben. „Jede seiner drei Ehefrauen hatte ihm nach einiger Zeit nicht nur vorgeworfen, daß er sich völlig abgekapselt habe, sondern sich auch darüber beklagt, daß sie sich sexuell von ihm vernachlässigt fühlte.“

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Zuckerman – wir schreiben das Jahr 1973 – ist krank. Seit vier Jahren hat er keine vernünftige Zeile mehr zuwege gebracht. Doch die Ärzte können nichts feststellen. Da ist dieser Schmerz: im Nacken, in der Schulter, in den Armen. Zuckerman kann kaum gehen, kaum stehen, geschweige denn arbeiten. Liegen ja, lieben auch: passiv. „Geschlechtsverkehr, Fellatio und Cunnilingus konnte Zuckerman mehr oder weniger schmerzfrei ertragen, vorausgesetzt, daß er flach auf dem Rücken liegenblieb und den Kopf auf ein Synonymwörterbuch stützte.“ Zuckerman hat kein Thema mehr. Die Stadt, in der er geboren worden ist, wurde von Rassenunruhen zerstört; erst ist der Vater, jetzt auch die Mutter gestorben; der Bruder hält auf Distanz. „Ohne Vater, ohne Mutter und ohne Heimstatt war er kein Romancier mehr. Kein Sohn mehr, kein Schriftsteller mehr.“ Darüber helfen ihm auch die vier Geliebten nicht hinweg, die sich über dem rücklings Hingebetteten abwechseln, eher sozial- als minnedienstlich gefordert: Diana, die Studentin, Gloria, die Frau von Zuckermans Finanzberater, die Polin Jaga und die Malerin Jenny – alle vier mit Dialogen köstlich in Szene gesetzt.

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Philip Roth vermag Figuren allein durch ihre Rede plastisch zu machen. Dabei stilisiert er in der Zuckerman-Trilogie Gespräche bis zum äußersten; nicht selten kippen sie um in Seiten füllende, aber immer faszinierende, man muß fast sagen: bühnenwirksame Monologe.

Eine solche Ansprache hält Zuckerman auch seinem alten Studienkollegen Bobby, der Arzt geworden ist – für den verzagten Autor ein Traumberuf. Zuckerman erklärt ihm, warum er die Schriftstellerei leid ist: „Hat man einmal mit dem Schreiben begonnen, dann fühlt man sich ständig eingeschränkt. Man ist an ein Thema gebunden. Es muß plausibel sein. Man muß ein Buch daraus machen. Wer praktisch jede Minute an die eigenen Grenzen erinnert werden möchte, der kann sich gar keinen besseren Beruf aussuchen.“

Bobby versucht ihm zu bedeuten, daß auch ein Arzt nicht immer glücklich mit seiner Profession sein muß. Ob Nathan es nicht einmal mit einer Reise oder mit Sex versuchen wolle? „Hilft nichts“, antwortet der. „Hab’ ich ausprobiert. Fleischeslust mit allem Drum und Dran, aber was dabei herauskommt, ist das Gegenteil von Lust. Bumsen, auf den Mount Everest steigen, Bücher schreiben – nicht genug Kontakt mit anderen Menschen. Mailer hat für das Amt des Bürgermeisters von New York kandidiert. Kafka sprach davon, daß er gern Kellner in einem Café in Tel Aviv wäre. Ich möchte Arzt werden.“

Schluß mit dem Schreiben! Zuckerman mag sich nichts mehr ausdenken – und beginnt im nächsten Moment damit, eine letzte große Fiktion zu entwerfen, mündlich. Von Alkohol und Percodan-Schmerztabletten umnebelt, steigert er sich redselig in die Rolle eines Verlegers von Pornographie der harten Sorte. Schon im Flugzeug; auf dem Weg zu Bobby, hat er einem Unbekannten das Rollenspiel vorgegaukelt, nun zieht er bei einer jungen Frau alle Register der Phantasie. Die Frau fährt den Wagen, den Zuckerman sich am Flughafen gemietet hat. Wortreich verteidigt der Chauffierte sein angebliches Hard-core-Pornomagazin gegen mögliche Vorwürfe, wie sie in Wirklichkeit gegen den Roman „Carnovsky“ erhoben worden sind (und, versteht sich, gegen Roths „Portnoys Beschwerden“). Er erfindet sich einen siebenjährigen Sohn, Nathan, stellt sich vor, wie der später einmal unter dem Ruf leiden könnte, den der Vater hat, und er nennt sich selbst Milton Appel – nach jenem Literaturkritiker, der kurz zuvor eine Generalabrechnung mit dem Werk Zuckermans veröffentlicht hat.

Zuckerman ist von dem Verdikt nicht unbeeindruckt geblieben. Zu Bobby hat er über die eigene Karriere gesagt: „Es war kein literarischer Ruhm, es war sexueller Ruhm – und der stinkt.“ Nun will er es wissen und macht sich zu dem Ungeheuer, das er nach Einschätzung der Umwelt als Autor von „Carnovsky“ längst ist. Eine fulminante Selbstdemontage in Form einer großen Verteidigungsrede – denn es ist keineswegs albern, was „Milton Appel“ seiner Fahrerin erzählt.

Kurz darauf der Sturz: Zuckerman besucht mit Bobbys Vater den jüdischen Friedhof, auf dem dessen kürzlich gestorbene Frau begraben liegt. Was er bei der Beerdigung der eigenen Mutter drei Jahre zuvor unter Kontrolle hatte, bricht jetzt hervor. Schon Seiten vorher hat es geheißen: „Endlich begriff Zuckerman, daß seine Mutter seine einzige Liebe gewesen war.“ Angesichts des fremden Grabes dreht Zuckerman durch, wirft sich auf den armen Witwer, als habe der persönlich schuld an Zuckermans Desaster. Zuckerman stürzt, verletzt sich schwer am Kopf.

Erst im Krankenhaus erwacht er wieder – mit einem komplizierten Kieferbruch. Wie genau er zu Fall gekommen ist, erfährt man nicht. Nur das Ergebnis: totales Verstummen, die Zähne zerbrochen, der Mund geklammert. Der Mann, dem viele das Maul stopfen wollten, kann nichts mehr erzählen. Er erhält einen Brief von Bobbys Vater, worin der ihm herzlich gute Besserung wünscht. „Der letzte der altmodischen Väter. Und wir, dachte Zuckerman, die letzten der altmodischen Söhne.“ Zuckerman fragt sich: „Wer von denen, die nach uns kommen, wird noch begreifen können, daß im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, in dieser riesigen, lax gewordenen, aus den Fugen geratenen Demokratie, ein Vater – und noch dazu einer ohne höhere Bildung und ohne gesellschaftlichen Rang und Einfluß – das Format eines Vaters in einer Kafka-Erzählung haben konnte?“

Wie kann Literatur heute aussehen? Im Krankenhaus erreicht Zuckerman die Anfrage einer Studentenzeitung, „welche Chancen solche Romane, wie er sie schrieb, in der postmodernen Ära eines John Barth und Thomas Pynchon überhaupt noch hätten“.

Es wäre ganz verfehlt, sich von der unterhaltsamen Oberfläche des Romans „Die Anatomiestunde“ blenden zu lassen. Das Buch enthält – wie auch seine beiden Vorgänger – einen ganz unaufdringlichen Anspielungsreichtum auf die amerikanische und europäische Literatur nicht nur dieses Jahrhunderts. Philip Roth ist ein hochgebildeter, belesener Mann – der mit dem ihm verfügbaren Wissen niemals prunkt. Es gibt in der verfügbaren Trilogie kein einziges Gespräch, das vollgestopft mit Theorie, keine Zeile, die von des Gedankens Blässe angekränkelt wäre. Literatur über Literatur: Ja, aber eigentlich nimmt man es kaum wahr.

Und noch einen Irrtum darf man nicht begehen. „Die Anatomiestunde“ ist nicht etwa der autobiographisch gefärbte Text eines Schriftstellers, der am Ende ist. Roth ist nicht Zuckerman, die Zuckerman-Trilogie kein heimliches Memoirenwerk. Nicht zu leugnen ist, daß Roth sich ein Vergnügen daraus gemacht hat, möglichst viele Übereinstimmungen mit seiner Vita herzustellen. Und er läßt den fiktiven Kritiker Milton Appel, den von Zuckerman gehaßten, in der „Anatomiestunde“ sagen: „Ich weiß natürlich, daß man zwischen einer Romanfigur und dem Autor zu unterscheiden hat; aber ich weiß auch, daß erwachsene Menschen nicht so tun sollen, als wäre der Unterschied wirklich so groß, wie sie ihren Studenten versichern.“

Philip Roth wurde – wie sein Nathan Zuckerman – 1933 in Newark geboren, einer Stadt im Staate New York, die in den sechziger Jahren von Rassenunruhen erschüttert und in ihrer Struktur weitgehend zerstört worden ist. An verschiedenen Universitäten unterrichtete er Literatur, bevor ihn der Erfolg von „Portnoys Beschwerden“ aller Geldsorgen enthob und in die ländliche Einsamkeit Connecticuts trieb. Dort lebt er die Hälfte des Jahres in einem alten Farmhaus aus dem Jahr 1790, die andere verbringt er in England.

Er war schon ein angesehener Schriftsteller, als ihn 1969 der Erfolg übermannte. Sein erstes Buch, die Erzählungssammlung „Goodby, Columbus!“, war zehn Jahre zuvor erschienen, zwei Romane waren gefolgt: 1962 „Letting Go“ („Anderer Leute Sorgen“) und 1967 „When She Was Good“ („Lucy Nelson oder Die Moral“). Zwischen „Portnoys Beschwerden“, der Beichte des Alexander Portnoy, der kein braver jüdischer Sohn mehr sein will und über seine sexuellen Obsessionen plaudert (nicht im Angesicht des Psychoanalytikers, wie oft mißverstanden worden ist, sondern in Form einer Phantasie des Helden vor Beginn der Analyse), zwischen diesem so krassen wie klugen Roman und der Zuckerman-Trilogie sind im Lauf der siebziger Jahre noch fünf Bücher erschienen: „Unsere Gang“ (eine Satire auf Präsident Nixon) und „Die Brust“; dann zwei Romane, die bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden sind: „The Great American Novel“ und „My Life as a Man“ (auch dies die Geschichte des Lebens und Wirkens eines Romanciers, eine Geschichte, die Max Frisch Anstoß zu seiner Erzählung „Montauk“ gegeben hat); schließlich der Roman „Professor der Begierde“.

In dem zuletzt genannten Buch, 1977 in Amerika veröffentlicht, spielt erstmals die Stadt Kafkas, Prag, als Schauplatz eine Rolle. Es fällt der Satz: „Was für mich zählt, sind die Bücher – meine eigenen nicht ausgeschlossen –, in denen der Schriftsteller sich selbst anklagt.“ Und sich selbst verteidigt, könnte man hinzufügen: verteidigt, doch nicht freispricht. In einem Interview der Sunday Times verriet Roth vor einiger Zeit, daß eine Episode, die sich schon vor dreißig Jahren abgespielt hat, seine literarische Entwicklung bis hin zur Zuckerman-Trilogie (und ihrem Schluß: dem verklammerten, verstummten Zuckerman) beeinflußt habe: Nachdem er 1957 eine seiner ersten Erzählungen publiziert hatte, fragte ein Rabbi aus New York öffentlich: „Was wird getan, um diesen Mann zum Schweigen zu bringen?“

Ein anderer Anstoß zur „Zuckerman“-Trilogie – so beschreibt es Roth in einem Kommentar zu seiner Trilogie für The New York Times Book Review (1983) – war die Erfahrung, welchem Druck Autoren aus dem Ostblock ausgesetzt sein können. Im Jahr 1971 besuchte der amerikanische Autor zum erstenmal Prag, später fuhr er regelmäßig dorthin, fand Freunde (unter ihnen Milan Kundera) und einen Spiegel für sein eigenes Leben. „Der Kontrast hätte nicht deutlicher sein können“, befand Roth und kam zur Überzeugung, daß ein Roman, der dies alles zur Sprache bringen sollte, sich darum drehen müßte, daß „in meinem eigenen freien Land“, wie Roth schien, „alles erlaubt war und nichts eine Rolle spielte“, während in einem totalitären Staat „nichts erlaubt war und alles eine Rolle spielte“.

Zwei Jahre, nachdem die Zuckerman-Trilogie abgeschlossen vorlag, schob Roth 1985 einen Epilog nach, „Die Prager Orgie“ – einen kleinen Band von knapp hundert Seiten, wiederum in der Ich-Form gehalten („aus Zuckermans Notizbüchern“) wie der erste Band der Trilogie. Mit der „Prager Orgie“ runden sich auf der Erzählebene zwei Jahrzehnte. Zuckermans Besuch in Prag findet 1976 statt, zwanzig Jahre nach seinem Auftritt bei E. I. Lonoff. Ist er Arzt geworden? (Der Schluß der „Anatomiestunde“, die drei Jahre zuvor spielt, läßt das offen). Es sieht nicht danach aus.

Immer noch wird er bewundert – als Romancier. Und nicht wenig: „Die Leute haben Musil und Proust und Mann und Nathan Zuckerman, die sie lesen können, warum sollten sie mich lesen?“ Der das in New York sagt, ein Schriftsteller natürlich, ist Emigrant aus Prag. Er schmeichelt – freilich mit Hintersinn. Er möchte Zuckerman dazu bewegen, aus Prag die Manuskripte seine Vaters herauszuholen, eines jüdischen Schriftstellers, der von den Nazis ermordet worden sei, Hunderte von Geschichten über Juden geschrieben, aber keine je veröffentlicht habe.

Diese Herausforderung muß Zuckerman, der alles veröffentlichen konnte und dafür noch berühmt wurde, natürlich annehmen. In Prag allerdings weiß er schon bald nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Hat es diese Erzählungen überhaupt gegeben? Die zurückgelassene Frau des New Yorker Schmeichlers bestreitet alles, möchte mit Zuckerman ins Bett gehen, gibt ihm statt dessen dann doch einen Umschlag mit Papieren, der wenig später von der Polizei konfisziert wird. „Packt mich jetzt endgültig der Verfolgungswahn oder verstehe ich allmählich, worum es geht?“ fragt sich Zuckerman, dessen Notizen zunehmend aus widersprüchlichen Wahrnehmungen bestehen.

Er wird zu einer Party eingeladen: „Mögen Sie Orgien, dann kommen Sie mit. Seit den Russen gibt es die besten Orgien von Europa in der Tschechoslowakei. Weniger Freiheit, besseres Ficken.“ Der Besuch in Prag scheint zur Walpurgisnacht zu geraten – ganz so wild kommt es dann doch nicht, aber Roths Epilog gehört zweifellos zu den bizarrsten und ulkigsten Schlußkadenzen der neueren Literatur.

„Die Prager Orgie“ setzt einen schrillen Akzent auf ein ansonsten außerordentlich ruhig, ja konventionell erzähltes Romanwerk. Jetzt, wo alle Teile vorliegen (immerhin ein Erzählzyklus von mehr als tausend Seiten, in Amerika als „Zuckerman Bound“ in einem Band erhältlich), lassen sich die feinen Adern ausmachen, die alles von Anfang bis Ende durchziehen – um so ärgerlicher, daß die verschiedenen Übersetzungen nicht aufeinander abgestimmt sind (Zuckermans fiktiver Prosaband „Higher Education“ wird im ersten Band mit „Höhere Erziehung“ und im dritten mit „Höhere Bildung“ wiedergegeben).

Der Skandal von damals, ob durch Carnovsky oder Portnoy verkörpert, gehört der Vergangenheit an. Die detailfreudigen Sexualszenen (oder die präzis benannten Phantasien davon) hatten als Revolte gegen die Väter ihren Sinn. Von der alten Lust (und sei es jener an der Provokation) ist nur eine Erinnerung geblieben – und hier und da Vulgäres in den Dialogen. Weil die befreite Sexualität, wie die „Prager Orgie“ vor Augen führt, verkommen ist zum Trost der Unterdrückten, wohnt ihr keine Sprengkraft mehr inne.

Auf verschlungenen Pfaden, ein meisterliches Spiel mit der Spannung zwischen Fiktion und Realität treibend, ist Philip Roth dem Geheimnis der Künstlerexistenz auf der Spur. Mit welch mühsam erarbeiteter Einfachheit! So konsequent und selbstironisch haben nur selten Autoren sich selbst ausgehorcht und durchgespielt, sich so überdreht und verklausuliert, sich offenbart und versteckt. Ein Romanzyklus aus Amerika – und wie europäisch will er uns anmuten! Ist das vielleicht der Schlußpunkt, den schon Thomas Mann zu setzen glaubte, der Schlußpunkt hinter den realistischen, den gesellschaftskritischen, den sich selbst reflektierenden Roman? Noch einmal? Einmal noch?

Philip Roth hat ganz einfach die Geschichte fortgeschrieben vom Sohn, der rebelliert und plötzlich um sich blickt und sieht: Niemand ist mehr da von denen, gegen die er einst angetreten ist. Aber was einer ist, ist er geworden gegen die, die ihm nicht zutrauten, zu werden, was er nun doch geworden ist. Eine alte Geschichte, gewiß, aber man hat ihr selten so gern und anstrengungslos gelauscht. Und wenn man sehr genau hinhört, entdeckt man, was noch alles drinsteckt in der „Zuckerman“-Trilogie und ihrem Epilog.

Derweil hat Philip Roth einen neuen Roman abgeschlossen, „The Counterlife“, der Anfang 1987 in Amerika erscheinen wird. Schluß mit dem Schreiben? Alles frei erfunden!

  • Philip Roth:

„Die Anatomiestunde“

Roman, aus dem Amerikanischen von Gertrud Baruch; Carl Hanser Verlag, München 1986; 371 S., 39,80 DM

„Die Prager Orgie“

Ein Epilog, aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius; Carl Hanser Verlag, München 1986; 108 S., 22,– DM