Von Erwin Brunner

Verona, Anfang Dezember

Nach einem erkennbaren Motiv, einer rationalen Erklärung, hat man lange gesucht. Warum wurden diese jungen Männer zu Mördern? Wie konnten zwei Söhne aus angesehenen Familien dieser Stadt fünfzehn Menschen umbringen? Erstechen, erschlagen, verbrennen, vernichten; mittelalterlich, wie wahnbesessene Inquisitoren.

Verona, behäbig-bürgerlich, nüchtern, „nordisch“, ganz unverhohlen Teil jenes Italien, das gern abschätzig behauptet, südlich der Po-Ebene beginne Afrika – das wohlsituierte, satte Verona tut sich schwer, diese mysteriöse Verbrechensserie zu begreifen. Die hatten ja wirklich alles: Geld und Erfolg; sie kamen aus guten Familien und hatten beste Zukunftsaussichten vor sich!

Aber um klassische Kriminalität handelt es sich hier nicht: Die beiden Täter wollten sich nicht bereichern – sie hat etwas anderes, beunruhigend Abgründiges angetrieben. Sie haben mal gezielt, mal wahllos Menschen ermordet, die insgeheim auch der ganz normale Spießer zum Teufel wünscht: Prostituierte, Homosexuelle, Drogensüchtige, Besucher anrüchiger Etablissements.

Die beiden sind offensichtlich „Gesinnungstäter“. Die Zeitungen haben ihnen oft genug ihren Stempel aufgedrückt: „Monster“, „Killer“, „Irre“. Eines sind sie jedenfalls nicht: Beispiele für perfekte Mörder, an deren Verbrechen sich Krimi-Phantasie detektivisch delektieren könnte.

Seit Anfang der Woche stehen sie nun in Verona vor Gericht: Dr. Wolf gang Abel, 27, Mathematiker, und Marco Furlan, 26, Chemiestudent kurz vor der Promotion. Sie sind angeklagt, in den Jahren 1977 bis 1984 in Oberitalien und München jene Reihe brutaler Verbrechen begangen zu haben, für die jeweils, meist kurz nach der Tat, eine geheimnisvolle „Gruppe Ludwig“ die Verantwortung übernommen hat.