Von Erwin Brunner

Verona, Anfang Dezember

Nach einem erkennbaren Motiv, einer rationalen Erklärung, hat man lange gesucht. Warum wurden diese jungen Männer zu Mördern? Wie konnten zwei Söhne aus angesehenen Familien dieser Stadt fünfzehn Menschen umbringen? Erstechen, erschlagen, verbrennen, vernichten; mittelalterlich, wie wahnbesessene Inquisitoren.

Verona, behäbig-bürgerlich, nüchtern, „nordisch“, ganz unverhohlen Teil jenes Italien, das gern abschätzig behauptet, südlich der Po-Ebene beginne Afrika – das wohlsituierte, satte Verona tut sich schwer, diese mysteriöse Verbrechensserie zu begreifen. Die hatten ja wirklich alles: Geld und Erfolg; sie kamen aus guten Familien und hatten beste Zukunftsaussichten vor sich!

Aber um klassische Kriminalität handelt es sich hier nicht: Die beiden Täter wollten sich nicht bereichern – sie hat etwas anderes, beunruhigend Abgründiges angetrieben. Sie haben mal gezielt, mal wahllos Menschen ermordet, die insgeheim auch der ganz normale Spießer zum Teufel wünscht: Prostituierte, Homosexuelle, Drogensüchtige, Besucher anrüchiger Etablissements.

Die beiden sind offensichtlich „Gesinnungstäter“. Die Zeitungen haben ihnen oft genug ihren Stempel aufgedrückt: „Monster“, „Killer“, „Irre“. Eines sind sie jedenfalls nicht: Beispiele für perfekte Mörder, an deren Verbrechen sich Krimi-Phantasie detektivisch delektieren könnte.

Seit Anfang der Woche stehen sie nun in Verona vor Gericht: Dr. Wolf gang Abel, 27, Mathematiker, und Marco Furlan, 26, Chemiestudent kurz vor der Promotion. Sie sind angeklagt, in den Jahren 1977 bis 1984 in Oberitalien und München jene Reihe brutaler Verbrechen begangen zu haben, für die jeweils, meist kurz nach der Tat, eine geheimnisvolle „Gruppe Ludwig“ die Verantwortung übernommen hat.

Hinter „Ludwig“, daran hat Untersuchungsrichter Mario Sannite nach fast dreijährigen Ermittlungen keine Zweifel, verbarg sich niemand anders als das Duo Abel/Furlan. Beweisstücke, Indizien und Gutachten, die er zu Aufklärung dieses ebensolange rätselhaften wie umfangreichen Kriminalfalls zusammengetragen hat, umfassen 18 Bände. Die Beweise gegen die beiden Täter sind erdrückend; nur wenn ihnen auch das Schwurgericht (wie schon ein psychiatrisches Gutachten) verminderte Zurechnungsfähigkeit zuerkennt, dürften sie zu weniger als lebenslanger Haft verurteilt werden.

Wieder und wieder stellen wird das Gericht die Frage nach dem Motiv. Warum konnten Abel und Furlan zum Beispiel bei ihrer letzten Tat, die nur eher zufällig nicht zur Katastrophe wurde, den Tod von womöglich Hunderten von Menschen zumindest in Kauf nehmen?

Jener 4. März 1984, an dem die Lösung des Rätsels „Ludwig“ begann, war ein Faschingssonntag. Wolfgang Abel, seit einem halben Jahr Angestellter einer Lebensversicherung in München, fährt übers Wochenende nach Verona zu seinen Eltern. Am Sonntagnachmittag macht er sich mit seinem Freund Marco Furlan auf ins Karnevalstreiben. Ziel: die Diskothek „Melamara“ in Castiglione delle Stiviere, einer Kleinstadt südlich des Gardasees. Das Lokal ist brechend voll, hier feiern und tanzen fast vierhundert Jugendliche. Als Pierrots kostümiert mischen sich die beiden unter die Gäste; in Sporttaschen tragen sie je einen Kanister Benzin mit sich.

Furlan geht ins Männerklo. Er öffnet seinen Behälter und stellt ihn kopfüber in die Tasche, in die er vorher ein Loch geschnitten hat. Eine gluckernde Benzinspur hinter sich herziehend durchquert er die Disco, dann läßt er die Tasche neben dem Tresen stehen. Abel hat seine an die Lehne eines Sessels nahe dem Haupteingang gehängt. Da – plötzlich riechen Gäste den Brennstoff. Über die Lautsprecheranlage wird sofort Alarm gegeben. Im Gedränge gelingt es Abel noch, seinen Kanister anzuzünden.

Dank der Geistesgegenwart einiger Gäste kann das mörderische Gefäß bald mit Fußtritten ins Freie befördert, der ausgebrochene Brand gelöscht werden. Nur zwei Personen erleiden Verbrennungen. Für Abel und Furlan gibt es kein Entkommen. Die herbeigerufenen Carabinieri haben alle Hände voll zu tun, die beiden Brandstifter vor der Lynchjustiz der Disco-Besucher zu retten.

Warum dieses Attentat? „Wir wollten nur einen Scherz machen“, versucht sich Furlan herauszureden, „ein bißchen zündeln, um zu sehen, wie die Leute reagieren würden.“ Abel wird bereits in den ersten Verhören deutlicher: Sein „einziges Motiv“ sei, daß er „Discos nicht ausstehen kann“. Sie seien „Hauptplätze der Drogenverteilung“ und Orte, an denen die Jugendlichen zu „Opfern geistloser Zerstreuung“ würden. Er wisse, wovon er spreche: Ein ihm bekanntes Mädchen habe sich „total verändert“, sei sogar drogensüchtig geworden, nachdem es ins Disco-Milieu geraten war. Und: Er habe die „Melamara“ nur niederbrennen, nicht aber ein Blutbad anrichten wollen.

Brandstiftung, Feueranschlag, Gewalttätigkeit im Namen einer höheren Moral – die Ermittler kamen schnell auf die richtige Spur. Genau nach dem Muster des Attentats auf die Discothek am Gardasee waren zuvor ein Porno-Kino in Mailand und eine Sex-Disco in München angezündet worden. Beide Male hatte die seit Jahren aktive phantomatische „Gruppe Ludwig“ mit Bekennerbriefen die Verantwortung übernommen.

Die Verhaftung von Wolfgang Abel und Marco Furlan im März 1984 ist der Anfang der Aufklärung einer beispiellosen Mordserie, die 1977 in Verona begonnen und zuletzt nicht nur italienische, sondern auch deutsche und holländische Kriminalpolizisten beschäftigt hat. Die Geschichte der – mangels besseren Wissens – von Beginn an so bezeichneten „Gruppe Ludwig“ führt denn auch durch ein grelles kriminalistisches Panoptikum. Bis zur Lösung des Falles gab es falsche Schlußfolgerungen und bizarre Mutmaßungen zuhauf, wurden von der Justiz eilfertig Unschuldige auf die Anklagebank gezerrt.

Das unheimliche Morden beginnt am 25. August 1977 – mit Feuer, dem Element sowohl des fanatischen Ausmerzens wie auch der Reinigung. Am Stadtrand von Verona setzen Unbekannte einen alten Alfa Romeo, in dem sein Besitzer, der Zigeuner Guerrino Spinelli, übernachtet, mit vier Molotowcocktails in Brand. Das Opfer stirbt eine Woche später an den schweren Verbrennungen. Polizeiliche Ermittlungen bleiben erfolglos.

Ein gutes Jahr darauf, am 19. Dezember 1978, wird in Padua der Kellner Luciano Stefanato tot aufgefunden, ein stadtbekannter Homosexueller. In seinem Genick stecken noch die Tatwaffen: zwei 25 Zentimeter lange Küchenmesser. Die Polizei nimmt einen Verdächtigen aus dem Milieu fest; anderthalb Jahre später muß ihn der Untersuchungsrichter aus Mangel an Beweisen wieder laufenlassen.

Am 12. Dezember 1979 wird in Venedig der 22jährige heroinsüchtige Homosexuelle Claudio Costa von zwei Jugendlichen durch 34 Messerstiche ermordet. In diesem Fall landen zwei Verdächtige in Untersuchungshaft; endgültig freigesprochen werden die beiden Justizopfer nach mehrmaliger Berufung erst im März 1984.

Erstmals ihrer Sache nicht mehr sicher ist sich die Polizei, nachdem am 4. November 1980 die Venezianer Zeitung II Gazzettino einen eigenartigen Bekennerbrief erhalten hat. „Die Organisation Ludwig“, steht da unter Hakenkreuz und stilisiertem Adler in Runenschrift zu lesen, „übernimmt die Verantwortung für die folgenden Tötungen.“ Nach der Aufzählung ihrer drei Opfer brüstet sich die „Organisation“ noch mit der Präsentation von „Beweisen“. So seien etwa bei dem ersten Attentat vier Molotowcocktails benutzt worden, „nicht zwei, wie die Zeitungen schrieben“;

Da sei eine „neonazistische Bande“ am Werk, urteilt die römische Repubblica. Einleuchtend ist die Interpretation allemal; in diesen Jahren vergeht kaum eine Woche ohne einen Anschlag linker oder rechter Terroristen. Erst wenige Monate vor dem ersten „Ludwig“-Bekennerbrief hätten rechtsradikale Attentäter am Bahnhof von Bologna im August 1980 ein schreckliches Blutbad angerichtet: 85 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt.

Fortan wähnt die italienische Polizei eine neue terroristische Zelle im rechtsradikalen Untergrund: die „Gruppe Ludwig“.

Wenig später ein neues Verbrechen. In Vicenza – die Stadt liegt auf halber Höhe zwischen Verona und Padua – überfallen Unbekannte die 52jährige Prostituierte Maria Alice Baretta und massakrieren sie mit Hammer und Beil. Obwohl „Ludwig“ wenige Wochen darauf mit einem Schreiben an den Gazzettino für die „Exekution“ verantwortlich zeichnet, werden zwei Tatverdächtige verhaftet. Ende 1983 muß sie ein Gericht aus Mangel an Beweisen freisprechen.

Gar drei mutmaßliche Täter verhaftet die Polizei, als am 24. Mai 1981 nach dem Brand einer österreichischen Kasematte am Veroneser Etschufer, die von Drogensüchtigen als Notunterkunft benutzt wird, der Oberschüler Luca Martinotti den tödlichen Verletzungen erliegt. Für diesen „Scheiterhaufen“ (Bekennerbrief) übernimmt „Ludwig“ erst die Verantwortung, als es – ein Jahr später – eine noch schlimmere Bluttat zu melden gibt: gleich zwei neue Opfer.

Am frühen Abend des 20. Juli 1982 sind die Mönche Mario Lovato (71) und Giovanni Pigato (69), Mitglieder der „Communità del Santuario di Monte Berico“ zu Vicenza, auf dem gewohnten Spaziergang in einer ruhigen Straße nahe ihres Klosters, als zwei Attentäter über sie herfallen. Mit schweren Hämmern schlagen die Mörder den Geistlichen die Schädel ein: die Tatwerkzeuge lassen sie selbstherrlich am Ort zurück.

„Ludwig“, die phantomatische Mordbande, schwelgt nun ganz in ihrem Wahn – nazistisch, unerbittlich, unverwechselbar: genau so, wie sie in den Medien dargestellt wird. Diesmal geht der Bekennerbrief nicht mehr an eine kleine Provinzzeitung, sondern – drei Tage nach dem Doppelmord – an das Büro der staatlichen Nachrichtenagentur Ansa in Mailand. „Wir sind die letzten Erben des Nazismus“, dräut der Text; schon im nächsten Absatz folgt aber die Phrase eines religiösen Fanatikers: „Zweck unseres Lebens ist der Tod jener, die den wahren Gott verraten.“

Zweckdienlich an dem Brief ist für die Polizei einzig der Satz, daß die beigelegten Aufkleber „exakt mit jenen zusammenpassen, die sich auf den Stielen der Tatwerkzeuge befinden“. Und tatsächlich: Der zynisch mitgelieferte Beweis stellt sich als richtig heraus. Unerkannt, spurenlos, gesichtslos bleibt indes auch weiterhin „Ludwig“.

Die Ermittler haben kaum Zeit, an den letzten Tatorten die Aussagen von Anwohnern (sie wollen in den meisten Fällen zwei junge Männer gesehen haben) auf die Reihe zu bringen, da trifft es schon das nächste Opfer. Am 26. Februar 1983 findet man in Trient den Priester Armando Bison (71) in seinem Blut: erschlagen mit einem Maurermeißel. In sein Genick haben die Mörder ein Kruzifix getrieben. Perverse Strafe für jemanden, der sich angeblich in seiner Jugend sexuelle Verfehlungen zu Schulden kommen ließ? Zwei Tage darauf trifft bei der Ansa Post aus Padua ein, dem Studienort von Wolf gang Abel und Marco Furlan: „Die Macht von Ludwig ist grenzenlos.“

Schon einen Monat nach dem Verbrechen in Trient sieht es gar nicht mehr danach aus, als könne die unbekannte Hand ungestört weitermorden. Nun wähnt sich die Polizei auf der richtigen Spur: Im lombardischen Pavia verhaftet sie den 35jährigen Universitätsdozenten Silvano Romano, einen Spezialisten für Flüssigkeitstechnik. Romano hatte – unter Nennung von Namen und Telephonnummer – dem Oberrabbiner von Padua eine alarmierende Ankündigung gemacht: „Ihr Juden könntet, nach meinen Studien, als Nächste dran sein.“

Bei der Hausdurchsuchung in Pavia staunen die Kriminalisten nicht schlecht. Zeitungsausschnitte, Aufzeichnungen, Berechnungen, Bücher – Romano hat eine regelrechte Akte zum Thema „Gruppe Ludwig“ angelegt. Auf dem Schreibtisch des kauzigen Wissenschaftlers finden sich haufenweise Notizen über literarische, historische, mythologische Bezüge der „Ludwig“-Greueltaten: Über eine Tragödie, die von glaubensfanatischen Juden handelt: „Die Makkabäer“ von Otto Ludwig, einem deutschen Dramatiker des vorigen Jahrhunderts. Über das althochdeutsche „Ludwigslied“ (Textstelle: „Einige schlug er mitten entzwei, einige durchstach er“). Über die doch eigenartige Koinzidenz, daß die Serie der Morde ausgerechnet an einem 25. August begann – dem offiziellen Namenstag des heiligen Ludwig, eines französischen Königs, der im 13. Jahrhundert Kreuzzüge anführte und Ketzer ausrottete.

Doch so interessant die exegetischen Darbietungen von Romano auch sein mögen, so eilig ihn Zeitungen als vermeintlichen „Ludwig“ auf die Titelseiten zerren – daß der „ebenso geniale wie spinnerte Dozent“ (so ein Untersuchungsrichter) mit all diesen Morden eigentlich nichts zu tun hat, wird bald klar. Nach einer Woche Untersuchungshaft läßt man ihn Anfang April 1983 wieder frei.

Wie zur demonstrativen Bestätigung der Unschuld des absonderlichen Gesellen (er liebt alles Militärische und pflegt beim Grüßen die Hacken zusammenzuknallen) schlägt kurz darauf „Ludwig“ wieder zu. Am 14. Mai 1983, diesmal in Mailand. Im Porno-Kino „Eros Sexy Center“ läuft die Nachmittagsvorstellung des Streifens „Lyla, profumo di femmina“. Etwa dreißig Zuschauer. In einem Brand, der plötzlich explosionsaitig in der letzten Sitzreihe ausbricht und den Ausgang versperrt, kommen sechs Männer zu Tode. Zwei Täter, findet später die Polizei heraus, hatten rund 20 Liter Benzin ausgeschüttet und angezündet.

Nach einer Woche meldet sich „Ludwig“, jetzt aus Bologna, bei der Ansa: „Wir übernehmen die Verantwortung für den Scheiterhaufen der Schwänze.“ Ähnlich wie schon nach dem Attentat auf die Patres von Vicenza klingt die Begründung: „Eine Todesschwadron hat ehrlose Männer hingerichtet, die das Gesetz von Ludwig nicht respektieren.“ Am Schluß des Schreibens prangt, wie in allen anderen Bekennerbotschaften auch, auf deutsch die Parole: „Gott mit uns“ (sie zierte in den Weltkriegen die Koppelschlösser deutscher Soldaten).

Von den Tätern keine Spur. Zwar hat die Polizei längst diverse Fahndungsbilder anfertigen lassen. Der Erfolg ist freilich nur, daß immer mal wieder ein zu Unrecht Verdächtigter in den Maschen der Ermittler hängenbleibt. „Er gleicht sehr dem perfiden Ludwig“, weiß etwa im Dezember 1983 die Trienter Zeitung L’Adige zu berichten, als die Polizei eines gesuchten Prostituiertenmörders habhaft wird – und versäumt nicht, ihm schnell alle „Ludwig“-Verbrechen zuzutrauen.

Die tatsächlichen Mörder, die sich hinter dem ominösen Namen verbergen, planen unterdessen schon ihre nächste Tat. Am 7. Januar 1984 gehen sie ans Werk – im Münchner Bahnhofsviertel diesmal. Kurz vor Mitternacht werfen zwei junge, gutgekleidete Männer je einen Kanister Benzin über die Eingangstreppe der Sex-Disco „Liverpool“ und setzen das Lokal in Brand. Acht der rund dreißig Gäste werden verletzt; das 20jährige Barmädchen Corinna Tatarotti, die Tochter eines aus Südtirol stammenden ZDF-Reporters, stirbt Ende April an den erlittenen schweren Verbrennungen.

Die Münchner Kripo und die Boulevardgazetten (AZ: „Ein heißer Krieg um kalte Sex-Mark“) sind gerade nach Kräften dabei, auf der Suche nach den Brandstiftern das heimische Zuhältermilieu in die Mangel zu nehmen, da bekennt sich – am 18. Januar – bei der Ansa in Mailand „Ludwig“ in altgewohnt unflätigem Jargon zu dem Anschlag. „Im Liverpool wird nicht mehr gefickt“, heißt es in dem Brief: „Eisen und Feuer sind die Strafe des Nazismus.“ Die Täter vergessen auch nicht anzugeben, sie hätten als Erkennungszeichen einen Wecker der Marke „Peter“ mit der Seriennummer 520–708 am Tatort zurückgelassen. Die Angabe erweist sich als richtig.

Als krimineller Größenwahn stellt sich aber die ebenfalls in diesem Schreiben verkündete Behauptung heraus, auf „Ludwigs“ Konto gehe auch jenes Feuer, das drei Wochen vor dem „Liverpool“-Inferno den Amsterdamer Sexclub „Casarossa“ in Schutt und Asche legte. Bei dem Anschlag kamen dreizehn Menschen ums Leben; als Täter ermittelte die holländische Polizei einen Angestellten des Etablissements.

In München gelingt es „Ludwig“ das letzemal, unerkannt zu entkommen. Zwei Monate später hat das jahrelange Rätselraten, wer unter diesem ominösen Siegel Mord um Mord beging, ein Ende: Im März 1984 werden in Italien Wolf gang Abel und Marco Furlan verhaftet.

Racheschwüren wie jenem, den Anonyme noch im Mai 1984 an die Mailänder Tageszeitung II Giornale adressierten („Auch euch Verleumder wird bald die Strafe Ludwigs ereilen“), maß die Polizei zu Recht keine Bedeutung bei. Für die Annahme, daß der „Gruppe Ludwig“ außer den beiden jungen Veronesern noch andere Personen angehörten, gab es zu diesem Zeitpunkt schon keinerlei Begründung mehr.

Für die Ermittler war der Fall nun schnell klar, die Lesart so einfach wie erschreckend. Die Täter: zwei junge Männer, unbescholten, aus gutem Haus – Jahrgang 1959, Sohn deutscher Eltern, der eine; Jahrgang 1960, ein Italiener, der andere. An einer Oberschule in Verona, dem Wohnort ihrer Familien, lernten sie einander als Fünfzehnjährige kennen.

Im Sommer 1977 warfen sie in Verona Molotowcocktails in das Auto eines Zigeuners: kein Dummejungenstreich mehr, sondern verbrecherische Initiation. Abel war da knapp über 18, Furlan noch minderjährig. Wenige Jahre später studierten beide an der Universität Padua: Abel Mathematik, Furlan erst Medizin, dann Chemie. Und meist einmal pro Jahr mordeten sie. Tatorte: durchweg Städte in Oberitalien, im nahen Umkreis ihrer Wohnorte Verona und Padua. Tatzeiten: fast ausschließlich Samstage und Sonntage. Manche Verbrechen lassen darauf schließen, daß die Täter die Gewohnheiten ihrer Opfer sorgfältig ausgekundschaftet haben.

Im Herbst 1983 übersiedelte Wolfgang Abel – nunmehr Doktor der Mathematik cum laude – nach München und trat die Stelle bei einer Lebensversicherung an, die ihm sein Vater verschafft hatte. Zu Neujahr 1984 war Marco Furlan in Abels Münchner Apartment in der Leonhard-Frank-Straße auf Besuch. Wenige Tage später legten sie im „Liverpool“ Feuer. Nach dem gleichen Muster wollten sie zwei Monate darauf wieder in Italien zuschlagen. Diesmal wurden sie – offenbar alles eher denn wirklich professionell agierende Verbrecher – auf frischer Tat ertappt, wurde „Ludwig“ gefaßt.

Erdrückend sind die Indizien und Beweise gegen Abel und Furlan. Alle sieben Bekennerbriefe von „Ludwig“ enthalten detaillierte Sachhinweise, die nur die Täter selber machen konnten. Für die meisten der Verbrechen gibt es außerdem Zeugen, welche die beiden in der Nähe der Tatorte gesehen haben. In Abels Müchner Wohnung fand die Polizei Kleidungsstücke jener Marken und Größen, wie sie die Attentäter im „Liverpool“ zurückgelassen hatten. Abels Mutter identifizierte den Wecker als den ihres Sohnes. Italienische Gutachter konnten mit „neunundneunzigprozentiger Sicherheit“ nachweisen, daß die Brille, die nach der Ermordung von Claudio Costa in Venedig gefunden worden war, aus einem Veroneser Geschäft stammte und Wolfgang Abel gehörte.

Den „entscheidenden Beweis“ (Untersuchungsrichter Mario Sannite) für die Anklage lieferte das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA): den Durchdruck eines „Ludwig“-Bekennerbriefes. Auf einem karierten Blatt jenes Spiralblocks, den die Münchner Kripo in Abels Wohnung beschlagnahmt hatte, fand sich der vollständige Text, mit dem die Täter die Verantwortung für den Brand des Mailänder Pornokinos auf sich genommen hatten. Die Folge: ungläubiges, mißtrauisches Staunen bei den Verteidigern von Abel und Furlan.

Überzeugen ließen sie sich erst, als ihnen die Prozedur (eine Untersuchung mit dem – so ein BKA-Mann – „Allerweltsgerät“ ESDA, das die italienische Presse freilich inzwischen zu einer Wundermaschine hochstilisiert hatte) in Wiesbaden eigens noch einmal vorgeführt wurde. Durchleuchtet wurden bei dieser Gelegenheit auch Papierblätter aus dem Hause Furlan – und dabei kamen, unverkennbar, die Runenschrift-Konturen zweier weiterer Bekennerbotschaften zum Vorschein.

Aus Abel und Furlan war nach ihrer Verhaftung wenig herauszubringen. Deutsche Ermittlungsbeamte, die Abel verhören wollten, beschuldigte er, ihn „mit konstruierten Indizien“ fertigmachen zu wollen. Die Abnahme von Blut, Speichel und Haaren für gerichtsmedizinische Untersuchungen hat er verweigert; einzig für die Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens ließ er länger mit sich reden.

Furlan versuchte zunächst hartnäckig, die schweren Anschuldigungen zu bagatellisieren – seit man ihm Anfang 1985 eröffnete, gegen ihn werde genauso wie gegen Abel wegen aller „Ludwig“-Morde ermittelt, schweigt er. Die Befragung durch den vom Untersuchungsrichter beauftragten Psychiater lehnte er ab: Erst nach langem Hin und Her konnten ihn schließlich seine Eltern bewegen, sich wenigsten bei einem befreundeten Psychologen einem Rohrschach-Test und anderen Untersuchungen zu unterziehen.

Beiden ist im Laufe des Ermittlungsverfahrens „verminderte Zurechnungsfähigkeit“ attestiert worden. Mehrmals schon haben Abel und Furlan unabhängig voneinander versucht, sich das Leben zu nehmen: Abel – er sitzt im Psychiatrischen Gefängnis, von Reggio Emilia ein – dreimal; Furlan zweimal: zuletzt, mit einer Überdosis Schlafmittel, am Allerseelentag dieses Jahres in einem Gefängnis in Padua. Offenbar sind die beiden auch gegen sich selbst so gnadenlos, wie gegen jene „Anderen“ – Homosexuelle, Drogensüchtige, Prostituierte, gefallene Priester –, denen sie grauenhafte Tode bereiteten.

Aber wer ist eigentlich Wolfgang Abel, wer ist Marco Furlan? Wer sind die Menschen, die im Namen eines wahnhaften sexuell-religiös-politischen Moralismus mordeten?

Ihre Bilder, ihre Lebensgeschichten sind merkwürdig blaß geblieben: gutbürgerliche Stereotypen, denen als einzig Gravierendes das entsetzliche Rätsel anhaftet, wie denn so etwas möglich werden konnte. Die Eltern der beiden – rat- und hilflos – haben sensationsgierigen Reportern von Anfang an die Tür gewiesen. Marco Furlan ließ sich gar nicht erst auf die Medien ein. Wolfgang Abel gab bisher nur zwei eher verstockte Interviews; Tenor: Er sei das Opfer übler Machenschaft und Vorverurteilung.

Untadelig ist die familiäre Herkunft der beiden. Abels Eltern, Deutsche aus München, zogen 1966 nach Verona; der Vater, ein pensionierter Jurist, war jahrelang Geschäftsführer der Veroneser Niederlassung einer großen Düsseldorfer Versicherungsgesellschaft. In den malerischen Hügeln nördlich von Verona besitzen die Abels eine propere Villa: sehr deutsch, mit vielen Nadelbäumen im Garten. „Wolfi“ ist der jüngste von drei Söhnen, ein ebenso schüchterner wie intelligenter Junge. Eine jüngere Schwester stirbt an Hepatitis. In dem „strengen Elternhaus“ gab es, so erzählte Abel später, kein Fernsehen und noch nicht einmal ein Heftpflaster – „wer sich verletzte, mußte selber zusehen, wie er klarkam“.

Marco Furlan kommt ebenfalls aus bestem Haus. Sein Vater, renommierter Spezialist für Verbrennungen, ist Primär der Abteilung Plastische Chirurgie an einer Veroneser Klinik. Vorher war er schon an einer Reihe anderer Krankenhäuser in Ialien tätig – Karriere geht über alles in dieser Familie. Marco Furlan ist das Zweitälteste von fünf Kindern. Das jüngste ist behindert, nimmt notgedrungen den größten Teil der elterlichen Zuwendung in Anspruch.

Die Wege von Abel und Furlan kreuzen sich erstmals Mitte der siebziger Jahre auf dem feinen Veroneser Vorort-Lyzeum „Girolamo Fracastoro“. Zwischen den beiden entsteht bald eine enge Freundschaft. Kein Wunder, denn sie haben weit überdurchschnittliche Noten. Entsprechend überheblich halten sie sich von der Klassengemeinschaft fern.

Wolfgang Abel – introvertiert, schmächtig, kindergesichtig – hat obendrein eine Passion, mit der die meisten seiner Schulkameraden nichts anzufangen wissen: Er spielt klassische Gitarre, ist Mitglied des Orchesters „Filarmonica Scaligera“. Und zwar erfolgreich: 1975 tritt er in einer Sendung des staatlichen Fernsehens auf, kurz darauf kommt eine Schallplatte heraus. „Er war mein absolut bester Schüler“, erinnert sich Gianna Creston, die Direktorin des Orchesters, an Abel, der bei ihr acht Jahre lang Gitarrenunterricht genommen hat.

Irgendwann in diesen Jahren müssen sich bei dem jungen Abel massive Fehlentwicklungen eingestellt haben. Psychologen haben für diese Lebensphase einen schwammigen, aber vielleicht gerade deshalb besonders treffenden Begriff: Adoleszenzkrise – zu deutsch: die Schwierigkeit, erwachsen zu werden. In einem Interview hat Abel der Mailänder Zeitschrift L’Europeo seine Lage geschildert: „Wenn man sehr jung ist, wird man noch von der Umgebung beeinflußt. Aber dann beginnt man mit dem eigenen Kopf zu denken und hört auf, der Truppe zu folgen. So haben wir unser eigenes Leben begonnen, ich und Marco, Marco und ich.“

Es ist der Beginn einer exklusiven und andere ausschließenden Zweierbeziehung – und einer drastischen Entscheidung. Abel zur Interviewerin des Europeo: „Mit 17 Jahren haben wir aufgehört, die Vätersöhnchen zu sein, Äußerlichkeiten Gewicht zu geben, in der Herde zu leben. Wir haben mit der Vergangenheit gebrochen.“

Siebzehn war Furlan, Abel ein bißchen älter, als in Verona die todbringenden Molotowcocktails in das Auto des Zigeuners Spinelli geworfen wurden.

Nun schlüpfen die beiden immer mehr in die Rolle elitärer Individualisten. Sie interessieren sich für rechte Ideen. In Verona, einer traditionell konservativen Stadt, in der damals an den Schulen nicht linke, sondern faschistische Jugendliche den politischen Ton angeben, fällt das nicht weiter auf. Die Gleichaltrigen können das eigene Auto kaum erwarten – Abel und Furlan fahren Rad. Disco, schicke Klamotten, Freundinnen – nein, danke. Statt dessen männerbündlerische Abhärtung: Fußmärsche, Wochenenden in freier Natur; Kameradschaft, besiegelt mit einer gemeinsamen Flasche Wein.

Abel und Furlan gehen – wörtlich – zusammen durch dick und dünn. Jeder ist dem anderen „der einzige, auf den man sich verlassen kann“. Vom Charakter her ergänzen sie einander. Furlan ist der Praktiker: rational, sachlich, sportlich. Abel der Theoretiker: Intuitiv, nachdenklich, sensibel, ein intellektueller Vielfraß, der Marx und Nietzsche, Hegel und Kierkegaard liest. Und so spezifische Werke wie das „Abenteuer eines armen Christen“ des italienischen Autors Ignazio Silone: ein Buch, in dem ein „Fra Ludovico“ (Bruder Ludwig) über die „flüchtigen Genüsse der Welt“ herzieht.

Sollte Lektüre wie diese als Anleitung für die „Ludwig“-Verbrechen gedient haben? Oder könnte doch latente oder tatsächliche Homosexualität bei Abel und Furlan die grausamen Triebfedern gewesen sein: Mord und Brandschatzung, Erschlagen und Verbrennen als zwanghaftes Selbstreinigungsritual?

Zwei Gutachter, Psychiater der eine, Kriminologe der andere – sind zu dem Schluß gekommen, daß bei den Angeklagten „keinerlei Form von Homosexualität verliege, wohl aber eine besonders enge Beziehung. Eine sogenannte „induzierte Psychose“: eine „Art psychische Ansteckung“, bei der ein „induzierendes Subjekt“ krankhafen Einfluß auf den „Induzierten“ hat. Mit anderen Worten: eine überlegene, dominante Person (in diesem Fall Abel) zieht den Partner (Furlan) in ihren Wahn, den sie dann gemeinsam ausleben.

Das spiele sich, so die Gutachter, etwa folgendermaßen ab. Mit „enormem Pathos“ und „kämpferischem Fanatismus“ trage das induzierende Subjekt seine Ideen vor: „pseudölogische Wahrheiten, philosophische, politische und religiöse Idealismen, die in dogmatischer Art vertreten und zielstrebig ausgeführt werden“. Das induzierte Subjekt hingegen – intellektuell unterlegen, „mit unbewußten Wünschen nach Identifikation, Bestätigung und Selbstverwirklichung“ – bringe dem dominierenden Partner Bewunderung und Zuneigung entgegen.

Abel, intellektuell und intelligent (ihm haben die Gutachter den hohen Intelligenzquotienten von 118 attestiert), habe sich nach der Lektüre vieler Philosophen „eine Art fanatische Ideologie“ zusammengebraut. Furlan, unsicherer, unreifer und dadurch besonders empfänglich für selbstsicher vorgebrachte Konzepte, sei von alledem „so sehr beeindruckt gewesen“, daß er in diesem Zweiergespann jegliche persönliche Entscheidungsfreiheit verloren habe.

Daß in dem Duo Infernal Abel der Führer war, scheint auch die Erklärung für das frenetische Gemisch aus Nazisymbolik, Reinheitsfanatismus und Übermenschenwahn der „Ludwig“-Bekennerbriefe zu sein. „Unser Glaube ist Nazismus. Unsere Gerechtigkeit der Tod. Unsere Demokratie ist Ausrottung“, heißt es in einem der Schreiben. Das „deutsche“ Beiwerk der Bekennerbriefe zeigt ebenfalls, daß Abel der Kopf der „Gruppe Ludwig“ gewesen sein muß: Runenschrift, Naziadler, Hakenkreuz, das „Gott mit uns“.

Untersuchungsrichter Sannite hat sich in seinem 168 Seiten langen Abschlußbericht gegen Abel und Furlan ausführlich über das „deutsche“ Grundmuster der „Ludwig“-Verbrechen ausgelassen: „Mystizismus, Sittlichkeit, Puritanismus; die Überzeugung, ein historisches Schicksal zu erfüllen; der Mythos der Reinheit und der Purifikation; die Rückkehr zur Kraft und Herrlichkeit des arischen Helden; die Suche nach dem Absoluten“ – all das seien „Motive der deutschen Kultur“.

Der „lateinische Mensch“, schreibt Sannite, kenne „solchen Fanatismus“ nicht. Es sei „nicht lateinisch, im Namen eines eugenetischen Mythos gegen die Welt und gegen die Geschichte zu kämpfen“.

Ist also Marco Furlan nur ein armer irregeführter Italiener, den sich der ewig böse Deutsche in Gestalt von Wolfgang Abel zum hörigen Mordgesellen machte?

Mit solch simplem Symbolismus kann man freilich die Motive für die schauerlichen Straftaten nicht ergründen. Und warum der Deutsche und der Italiener wie psychopathische Exorzisten gemordet haben, vermochten weder der Untersuchungsrichter Sannite noch die Gutachter den beiden Angeklagten zu entlocken.

Niemanden würde es wundern, wenn Abel und Furlan auch vor dem Schwurgericht mit den Greueltaten von „Ludwig“ nichts zu schaffen haben möchten. Wolfgang Abel – kühn oder krank? – kam die Geschichte schon vor einem Jahr als etwas ganz Fernes, Fremdes vor. „Ludwig? Das ist etwas Mysteriöses. Es erinnert mich an das Mittelalter“, sagte er in einem Interview. „Es ist etwas Vergangenes und hat einen Modergeruch.“