Vom "Nestbeschmutzer" zum preußischen Aufklärer: Die Wiederentdeckung des Karl August Varnhagen von Ense

Von Sven Papcke

Um die Mittagsstunden des 19. März 1848 ist die Macht in Preußen vakant! So jedenfalls empfanden es viele Zeitgenossen, die dabei waren, unter ihnen der Geheime Legationsrath außer Diensten Karl August Varnhagen von Ense, ein damals bekannter Schriftsteller, der die in den Schulbüchern des Wilhelminismus gern als "Märzschrecken bezeichneten Ereignisse ausführlich protokolliert hat. In der preußischen Hauptstadt regnet es an diesem Sonntag, die Straßen wirken menschenleer, auch die Barrikaden sind nur spärlich besetzt, die am Vortage im weiten Umkreis um das königliche Schloß und um die Garde errichtet wurden. Noch bis in diesen frühen Morgen hinein finden in den Straßen erbitterte Kämpfe statt. Die Garnison hat erhebliche Verluste, außerdem läßt die Bereitschaft der Truppen, weiter auf die eigenen Landsleute zu schießen, im Lauf der Stunden merklich nach. Dann wird deutlich: Es ist 20 000 gutausgerüsteten Soldaten in Berlin nicht möglich, die Empörung niederzuschlagen, ebensowenig wie kurz zuvor in Paris oder auch in Wien!

"Die Vorgänge haben etwas Wunderbares", kommentiert Varnhagen von Ense am selben Tag die Geschehnisse. Er läßt seiner Freude über die Abkehr von Willkürherrschaft freien Lauf, "der blutige Kampf war das Glücksrad, aus dem das große Los hervorging". Im eigentlichen Wortsinn "wunder-bar" kommen dem Augenzeugen die März-Errungenschaften aber auch deswegen vor, weil sie so unverhofft gelingen. Der Chronist vermag den Erfolg gar nicht recht zu fassen, obschon er in seinen "Tagebüchern" seit langem Beschwerden über kaum zu ertragende Dummheiten der verschiedenen Ministerien angesammelt hat. "Die Macht ist hier durchaus unruhig, unsicher, argwöhnisch, furchtsam und täppisch, nebenher auch falsch und lügnerisch", schreibt er. So könne, ja so dürfe es auf keinen Fall weitergehen, solle nicht alles im Chaos enden.

Beamtenbeleidigung

Bei aller Kritik an den Mißständen empfindet Varnhagen durchaus "konservativ", da "auch in der Umwandlung viel vorhandenes Gute sich erhalten soll". Durch zeitige Reformen sei das möglich, davon aber wäre östlich des Rheins nirgends die Rede! Das diffuse Unbehagen verdichtet sich bei Varnhagen nach und nach zur Umsturz-Erwartung: "Mir steigt seit einiger Zeit die wachsende Ahndung auf, daß das Leben in dem Striche, den es seither gehalten, nun nicht lange mehr fortgehen könne, sondern eine Wendung werde machen müssen", heißt es im September 1846. "Unser ganzer Boden ist unterhöhlt, tausend Gänge sind hindurchgetrieben, endlich werden sie in ein großes Loch zusammenbrechen."

Mit diesem Stimmungsbild eröffnet Hans Magnus Enzensberger seine Auswahl aus dem vierten bis achten Band der "Tagebücher" Varnhagens, deren zwischen 1861 und 1870 veröffentlichte insgesamt vierzehn Bände wegen ihrer Unverblümtheit seinerzeit einiges Aufsehen hervorriefen. Das "Journal" ist erschienen als Nr. 14 einer von Enzensberger besorgten Reihe ausgesprochen geschmackvoll aufgemachter und lobenswerterweise auch haltbarer Bücher – "Die Andere Bibliothek" genannt –, die Band für Band zum Preis von 25 Mark ausgefallene Texte vorstellen. Verantwortlich zeichnet dafür das Nördlinger Druckhaus von Franz Greno, vor kurzem vom Buchhandel zum "Verlag des Jahres 1985" gekürt.