Von Jutta Duhm-Heitzmann

Ein Roman über Farben, vor allem über die Farbe Grau: "In einem Farbkreis sind die Töne so angeordnet, daß sich die gegenüberliegenden Farben beim Mischen zu Unbunt auslöschen. Das Mischungsergebnis aller Komplimentärfarben ist ein dunkles Grau. Das Grau ist ein Ton, in dem alles zusammenfällt." Grau ist nicht Harmonie, Synthese dialektischer, lebentreibender Widersprüche, sondern gestaltlos, amorph, Un-Farbe, Wärmetod. Ein Roman über die Farbe Grau führt – es bietet sich an – zum Nachdenken über den Weg in die Auflösung, den Sturz in die selbstverschuldete Apokalypse, die der europäische Mensch unaufhaltsam vorzubereiten scheint.

"Das Grau der Karolinen" ist aber auch ein Roman über die Wirkungsgeschichte eines Kunstwerkes, seine womöglich überzeitliche, Geschichte antizipierende Kraft; ist Literarisierung eines philosophischen und kunsttheoretischen Konstrukts. "Man müßte so etwas schreiben wie einen rezeptionsgeschichtlichen Roman. Das wäre die Lösung. Die Versöhnung von Kunst, Geschichte und Wissenschaft", heißt es, einer Romanfigur in den Mund gelegt. "Konnten unsinnliche, abstrakte Phänomene, Ideen also, Theorien Gegenstand von Kunstwerken sein", monologisiert die Hauptperson beim Grübeln über einem Bild in grauen Farben, dem eigentlichen Helden des Romans. Eine Frage, die sich also nicht nur der Leser, sondern auch der Autor zweifelnd stellt.

Klaus Modick, Jahrgang 1951, verpackt seine Zweifel in ein solches Überangebot an Handlung, als wolle er die Dominanz der Theorie erst einmal vergessen machen: Ein Hamburger Werbegrafiker bemerkt während eines Gewittersturms in einem Antiquitätenladen ein Bild, das einen zunehmend quälenden Sog auf. ihn ausübt. Fast gegen seinen Willen kauft er es, entdeckt eine ähnlich verstörende Wirkung bei allen Menschen, die mit diesem Bild zu tun haben, versucht in einer Reise in die Vergangenheit dessen Geschichte und Entstehung aufzuspüren.

Nach einer Restauration zeigt sich, daß die gesamte Fläche nichts als ein genialer Wurf von changierendem Grau ist, ein großes Œuvre der beginnenden Moderne, gemalt von einem Künstler, der als Erzeuger pompöser Salon- und Kriegsbilder nach einem Rückzug in die Südsee zu einem rigoros neuen Kunstbegriff gefunden hatte. Das Bild ist dessen Abrechnung mit der kriegsbesessenen weißen Welt, dem dämonischen Selbstzerstörungstrieb Europas.

Der Knall in Theorie und Roman: Das Südseeatoll der Karolinen, auf dem das Bild entstand, wird von den Amerikanern im Laufe ihrer Experimente mit Atom-, Neutronen- und anderen Bomben just in dem Augenblick in die Luft gejagt, als die Detektive die Lösung – Maler und Entstehungsort des Bildes also – gefunden haben. Bei der Kontrolle der filmischen Aufzeichnungen über die Explosion entdecken sie: Das Bild hat genau die gleiche changierende Graustruktur wie die als pulverisierte Partikelmenge wieder zur Erde fallende ehemalige Insel, ist Vorwegnahme der Zerstörung, achtzig Jahre, bevor diese Zerstörung dann tatsächlich eintritt.

Wie weit also – Modick ist Benjamin-Kenner – besteht die auratische Kraft eines Kunstwerkes in seiner eigenen Rezeptionsgeschichte, in den einander überlagernden, sich verstärkenden Erfahrungen der Betrachter mit einem Bild? Und wie weit ist der Künstler Prophet, antizipiert er Kommendes – ihm selbst unbewußt – in Phasen kreativer Somnambulie? Reflexionen zur Kunst und zur Wirkungsästhetik durchziehen den Roman von Anfang bis Ende, verpackt in Dialoge, Exkurse, sogar in einen sonst nicht üblichen Eingriff des Erzählens: "Da ihm dies Verhältnis nun einmal nicht aufgehen konnte, will es nunmehr, quasi der sprachlichen Vollständigkeit halber, jedoch auch zur Unterrichtung des einen oder anderen etymologisch nicht kundigen Lesers, kurz angemerkt sein." Folgt eine Abhandlung über die Wortverwandtschaft von "sehen" und "wissen".

"Viele zeitgenössische Maler in Deutschland sind bloß Poeten, die Maler sein wollen", heißt es im Roman. Modick ist Schriftsteller, hat aber den Blick eines Malers. Doch Modick erzählt nicht, sondern erklärt, beschreibt nicht, sondern interpretiert. Seine Personen sind Schablonen (einschließlich des Werbegraphikers, der sich zum Schluß als wahrer Kreativer versucht: die Bild-Odyssee als künstlerische Katharsis). Die Dialoge sind unbeholfen – gestützt durch längst verbrauchte Verben wie "lachte", "gähnte", "murmelte", "zögerte", "stöhnte", "ermunterte" er/sie. Und darf sich ein Autor, der ernst genommen werden will, sprachliche Fehlleistungen durchgehen lassen wie: "Viel eher wirkte er wie ein Magnet, demgegenüber Jessens Augen Eisenspäne waren, die sich seiner Kraft zuordnen mußten"; "Der Digital-Wecker sang seinen elektronischen Hahnenschrei"; ein Raucher "rollt seine Zigarre im Mund feucht hin und her, zündet sie umständlich und kennerisch an"; ein Korken "ploppt satt" aus der Flasche; Menschen sehen einander "bestürzt" oder "fest und offen" an?

Mängel schon in Modicks erster Novelle "Moos", deutlicher in seinem ersten Roman "Ins Blaue", einem Tucholsky-Verschnitt ohne großen Anspruch. Hier kommt er mit einer gewaltigen Geste, mit einem großgeplanten Entwurf, der zum Schluß in oberflächlichen Spekulationen versandet. Dazu die Ausführung unentschieden, unfertig, in weiten Passagen einfach geschlampt. Ich wäre geneigt, das alles nachsichtiger zu beurteilen, wäre bei Klaus Modick nicht ein großes Talent zu spüren, das er verschenkt, weil er keine Geduld mit sich hat, seine Grenzen und Stärken augenscheinlich noch nicht kennt. Ein Autor, der zu früh die falsche, die zu große Form sucht und damit gescheitert ist.

  • Klaus Modick:

"Das Grau der Karolinen" Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 1986; 445 S., 34,– DM